„Kein Hort des Widerstands"
Der Marburger Historiker Eckart Conze leitet eine Untersuchung über die NS- Vergangenheit des Auswärtigen Amtes

Sie ist das Ergebnis der Nachruf-Affäre, die 2004 zum „Aufstand der Diplomaten" gegen (den damaligen) Außenminister Joschka Fischer führte: Eine Historikerkommission unter Leitung von Eckart Conze von der Uni Marburg untersucht nun die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amts.

Von GESA COORDES

Marburg - Der Nachruf auf den einstigen Diplomaten Franz Nüßlein brachte die Affäre ins Rollen: Das Auswärtige Amt bewahrte dem Mann ein „ehrendes Gedenken" obwohl er als Kriegsverbrecher zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war. Überliefert sind viele Todesurteile, deren Gnadengesuche er als Oberstaatsanwalt im damaligen Reichsprotektorat Böhmen und Mähren ablehnte. Vom Führerhauptquartier wurde er wegen seiner Entschlossenheit belobigt. Nach 1945 wurde er Generalkonsul in Barcelona.

Als der Fall bekannt wurde, entschied Fischer, ehemalige NSDAP-Mitglieder prinzipiell nicht mehr mit Nachrufen zu ehren. Damit verärgerte er zahlreiche Diplomaten alter Schule. Sie setzten sich für den ehemaligen Botschafter von Tokio, Franz Krapf, ein, der auch kein „ehrendes Gedenken" mehr erhielt - er war einst SS-Untersturmführer und arbeitete für den Sicherheitsdienst SD. 128 Ex-Kollegen erwiesen ihm in einer Anzeige die Ehre, die ihm das Amt verweigerte. Daraufhin gab Fischer eine Untersuchung der NS-Geschichte des Auswärtigen Amts in Auftrag. Aufgeklärt werden sollte auch der Umfang des Einflusses ehemaliger NSDAP-Mitglieder und in NS- Verbrechen verstrickter Diplomaten auf die Behörde.

Zehn Mitarbeiter in fünf Ländern sichten Akten, Briefe und Karteien

Das war der Auslöser für die internationale Historikerkommission, die vor wenigen Monaten offiziell mit der Untersuchung begonnen hat. Zehn Mitarbeiter in Deutschland, Paris, London, Jerusalem und Washington sind zurzeit dabei, Akten, Briefe und Karteien zu sichten. Das Bundesaußenministerium fördert das Projekt in den nächsten drei Jahren mit 1,4 Millionen Euro.

„Ich bin überrascht, wie wenig wir eigentlich wußten", sagt der Marburger Historiker Eckart Conze, der die Arbeit koordiniert. „Das Auswärtige Amt ist eher spät dran mit dem kritischen Blick auf die Vergangenheit." Dies hängt nach seiner Überzeugung damit zusammen, dass sich die große Behörde in der Vergangenheit oft als Bastion des NS- Widerstands verklärt hat.

Conze ist sich allerdings sicher: „Das Auswärtige Amt war definitiv kein Hort des Widerstands." Es habe während der NS-Zeit vereinzelt Diplomaten gegeben, die ihre Ämter niederlegten oder wie der italienische Botschafter (meint: der deutsche Botschafter in Italien) Ulrich von Hassell zum Widerstand des 20. Juli 1944 gehörten. „Das waren ganz wenige Einzelfälle", sagt der Marburger Professor für Neuere Geschichte. Die meisten Diplomaten gehörten zur nationalkonservativen Elite, die die Machtübernahme zunächst begrüßte. Wie viele Mitarbeiter des Auswärtigen Amts in die NSDAP oder andere NS-Organisationen eintraten, soll erst die Forschung zeigen. Inwieweit sie mit Beginn des Kriegs zu Statthaltern der Nazis wurden, muß auch noch untersucht werden. Auf jeden Fall habe es viele Mitläufer sowie einige Täter und Verbrecher gegeben. Verurteilt wurden wenige im so genannten Wilhelmstraßenprozeß, etwa Ernst von Weizsäcker, Vater des späteren Bundespräsidenten, wegen seiner Mitwirkung bei der Deportation französischer Juden zu fünf Jahren Haft. 1951 wurde das Auswärtige Amt wieder gegründet. Damit kehrte auch der Großteil der früheren Mitarbeiter zurück. Schätzungen zufolge sollen 1952 zwei Drittel der leitenden Beamten und noch mehr Referatsleiter ehemalige NSDAP-Mitglieder gewesen sein. Darunter waren auch der Diplomat Werner von Bargen, der als zuständiger deutscher Repräsentant in Belgien an der Deportation von Juden beteiligt war, und der 2004 geehrte Franz Nüßlein. Dagegen durfte der oppositionelle Diplomat Fritz Kolbe nach dem Krieg nicht wieder in den Auswärtigen Dienst eintreten.

Historiker Conze mahnt indes, keine vorschnellen Urteile zu fällen: „Die Tatsache, daß jemand NSDAP-Mitglied war, sagt noch nichts. Wir wissen auch von einst überzeugten NSDAP-Mitgliedern, die zu Widerständlern wurden." Die Historikerkommission will keineswegs eine zweite Entnazifizierung leisten. Die Experten wollen aufzeigen, wie es kam, daß so viele Diplomaten mit braunen Flecken auf ihrer Weste weiterarbeiten konnten.

Weitere Informationen unter www.historikerkommission-aa.uni-marburg.de

Frankfurter Rundschau – 15.12.06 - Mit freundlicher Erlaubnis der FR

Das AA  der BRD in Bonn bzw. Berlin war ein Hort des Widerstandes gegen die Aufklärer i.S. Nazi- “Verstrickung”, wie die innige Verbundenheit mit den Nazis und ihren Verbrechen gern verniedlichend genannt wird. Und der aufklärende Historiker ist überrascht, “wie wenig wir wußten”.

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