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Ist Bad Homburg doch keine 1200 Jahre alt? Von Günther Scherf Ist Bad Homburg, das anno 1982 sein 1200-jähriges Bestehen feierte, in Wahrheit nur 815 Jahre alt? Ist das mittelalterliche Dorf „Tidenheim" gar nicht der Vorläufer der Homburger Altstadt? Davon ist zumindest der Geschichtslehrer und Hobby-Archäologe Rüdiger Kurth überzeugt, Bei einer historischen Stadtführung will er Interessierten heute seine These erläutern. BAD HOMBURG. Wenn Rüdiger Kurth Recht hat, ist die Urkunde, aus der Historiker die Ersterwähnung der heutigen Bad Homburger Altstadt unter dem Namen „Tidenheim" ableiten, falsch - oder zumindest falsch interpretiert. Die Urkunde, im Codex des Klosters Lorsch überliefert, besagt, dass ein gewisser Scerphuin im April 782 dem Kloster zehn Morgen Land und „den dritten Teil der Kirche" in dem Ort Tidenheim im Niddagau geschenkt hat. Als Klostervorsteher namentlich erwähnt wird darin „der ehrwürdige Abt Gundelandus" - doch der sei, o Kurth, zu jener Zeit nachweislich längst tot gewesen. Frühere Historiker hätten zudem schon den Ort Tidenheim in der Nähe von Eschborn vermutet; dort sei eine Siedlung dieses Namens 875 bei einem Unwetter zerstört worden, argumentiert Kurth weiter. Dafür spreche auch eine zweite, ebenfalls auf April 782 datierte Urkunde: Darin schenkt eine „Hiltegard in Eschborn" dem Kloster Lorsch, „wo der ehrwürdige Abt Helmerich vorsteht", drei Leibeigene und eine Hufe Land (etwa 30 Morgen) - womit sehr gut „Tidenheim" gemeint sein könnte, waren doch abweichende und sich wandelnde Schreibweise früher üblich.. Kurth (57), der seine Forschungen als noch nicht abgeschlossen versteht, verweist zudem darauf, dass die Schenkungsurkunden nicht im Original erhalten sind, sondern in Abschriften, die ein Mönch um 1175 angefertigte. Der habe damals, wie man aus der Geschichte anderer Gemeinden wisse, „eine höchst fehlerhafte Massenproduktion" geliefert, die weder Irrtümer noch Fälschungen ausschließe. Forschungen zum heutigen Ober-Eschbacher Rathaus lieferten laut Kurth weitere Anhaltspunkte dafür, dass die Namen Eschbach und Eschborn verwechselt worden seien. So bezieht sich eine dritte Urkunde im Lorscher Codex auf eine Schenkung des oder der Erschenswind in Eschbach an das Kloster Lorsch. Diese Schenkung erwähne auch eine Kirche des Heiligen Lambert. Kurth: „Die Alte Kirche in Ober-Eschbach war jedoch dem Heiligen Petrus geweiht, in Eschborn hingegen gibt es eine Kirche des Heiligen Lambert". Nach Ansicht Kurths hat die Forschung bisher auch dem Umstand zu wenig Bedeutung beigemessen, dass das Mussbachtal, in dem Tidenheim ( = Dietigheim) gelegen haben soll, im 8. Jahrhundert häufig überschwemmt gewesen sei. Schon deswegen sei es wenig wahrscheinlich, dass Menschen dort eine Siedlung errichtet haben. Kurth, der Stadtverordneter des Bündnisses 90 / Die Grünen ist, hofft, dass die Stadt sich bereit erklärt, weitere Forschungen zu bezahlen: „Die Historiker haben bisher zu sehr Urkunden vertraut. Jetzt müssen auch geografische und archäologische Erkenntnisse herangezogen werden: Es muss gegraben werden." Die Vorsitzende der Bad Homburger „Vereins für Geschichte und Landeskunde", Barbara Dölemeyer, unterstützt die Forderung Kurths: „Eine neue Untersuchung der Geschichte Homburgs vor der Landgrafenzeit (1622 -1866, d. Red.) wäre durchaus sinnvoll." Sie sei keine Spezialistin für das Mittelalter, betont die Rechtshistorikerin, aber die Fragen Kurths halte sie für „durchaus berechtigt". Auf Widersprüche in der Darstellung der Gründungsgeschichte Homburgs habe schon der frühere Stadthistoriker Heinz Grosche 1982 hingewiesen: „Es scheint keine ausreichenden Belege dafür zu geben, dass Dietigheim dort lag, wo heute die Altstadt ist." Kreisarchivarin Angelika Baeumerth, ebenfalls keine Mittelalter-Spezialistin, ist skeptisch gegenüber Kurths Thesen. Auch sie verweist auf die Veröffentlichung von Grosche sowie auf „namenskundliche Betrachtungen zur Entstehung Dietigheims" von Marieluise Petran-Belschner aus dem gleichen Jahr. Beide hätten die Zweifel behandelt und ihres Erachtens geklärt. So seien in den Schenkungsurkunden jener Zeit Diskrepanzen zwischen der Amtszeit der Äbte und den an der Regierungszeit der Könige orientierten Daten der Unterzeichnung nichts Ungewöhnliches. Und die Vermutung, „Tidenheim" habe bei Eschborn gelegen, habe Petran-Belschner als „Missverständnis" beschrieben. Offizielle 1200-Feiern wie 1982 Homburg seien in der Regel nur erlaubt, wenn ein Gutachten des Staatsarchivs das historische Datum bestätige. Das Gutachten war gestern nicht zu erhalten. Frankfurter Rundschau - 19.8.2000 - mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Rundschau |