Die Zeit der chaotischen Maße
Ausstellung im Seulberger Heimatmuseum zeugt vom Messen und Wiegen

Von Günther Scherf

Andernorts wären Caspar Kitz, Johann Markloff, Wilhelm Feuer und ihre berühmten Zunftkollegen mit ihrem „Dippe" vielleicht durchgefallen. Das Meisterstück, das die Seulberger Töpfer anno 1704 anzufertigen hatten, mußte nämlich genau eine dreiviertel Elle hoch sein. Mit ihren 54,7 Zentimetern aber galt die Frankfurter Elle, nach der man sich seinerzeit in der Landgrafschaft Hessen-Homburg richtete, im Ausland als zu kurz. Schon eine Wiesbadener Elle hätte nach dem heutigen metrischen System 55,4 Zentimeter lang sein müssen, eine Preußische 66,7, eine Basler gar 117,9 Zentimeter.

Drei Jahrhunderte vor der Globalisierung setzte nicht der internationale Profit, sondern der eigene Kaiser, König oder Fürst das Maß aller Dinge. Karl der Große beispielsweise bestimmte, wie lang ein Fuß ist. So lange wie seiner eben. Erst nach der französischen Revolution von 1789 setzten die Gelehrten allmählich ihren Wunsch nach weltweit einheitlichen Maßeinheiten durch. Es dauerte noch bis zum 20. Mai 1875, bis 17 Staaten per internationalem Vertrag das metrische System einführten.

„Vom Messen und Wiegen" zeugt eine Ausstellung, die am Wochenende im Heimatmuseum Seulberg eröffnet wurde. Stadtarchivarm Erika Dittrich und Ute Desch (Verein für Geschichte und Heimatkunde) haben Objekte aus Privatsammlungen in Bad Homburg und Offenbach, Leihgaben des Museums Biedenkopf und Stücke aus dem eigenen Fundus zusammengestellt. Einen etwa 30 Zentimeter langen, aus Messing gefertigten Maßstab beispielsweise, der auf sieben verschiedene Skalen anzeigt, wie lange ein Zoll in Darmstadt, Kassel, Frankfurt, Bayern, Sachsen, Preußen oder Paris zu sein hat. Oder eine Puppe, die demonstriert, von welchen Körperteilen Elle, Fuß und andere Maße abgeleitet wurden.

Kuriose alte Turmuhr

Zu den auffälligsten Ausstellungsstücken gehört die Uhr, die bis 1925 im Turm der evangelischen Kirche Burgholzhausen schlug, heute aber im Landratsamt steht, weil den „Holzhäusern" seinerzeit das Zifferblatt zu klein war. Das Kuriosum offenbart sich erst bei näherem Hinsehen: Um 4 Uhr steht der Zeiger auf IIII; die korrekte römische Schreibweise IV war offenbar von unten am schlechtesten zu erkennen.

Einen anderen Zeitmesser, den Wecker, habe es in Europa schon im 9. Jahrhundert gegeben, erläutert Dittrich. Nicht als funkgesteuerter Intervallpiepser, aber als Kerze mit einer Skala zur Zeiteinteilung. Priester und Kirchenbedienstete steckten an der gewünschten Uhrzeit eine Nadel mit einem Glöckchen ins Wachs.

Sobald die Kerze entsprechend weit heruntergebrannt war, fiel die Nadel heraus, und das Glöckchen läutete. Derartige Konstruktionen habe man vor allem in Kirchen verwendet, um die Stunde fürs Nachtgebet nicht zu verschlafen.

Breiten Raum in der Schau nehmen Waagen und Gewichte ein. Ein echter Kuchen, dessen Haltbarkeitsdatum keine Rolle mehr spielt, illustriert, daß ein römisches Pfund heute nur noch 330 Gramm wert wäre. Eine Morphin- und Goldwaage aus der Hardtwald-Apotheke veranschaulicht zugleich die Herkunft einer Redensart: Jemandes Worte auf die Goldwaage zu legen, bedeutet, ihnen höchste Genauigkeit beizumessen.

 

HEIMATMUSEUM

„Ellen, Füße, Lot und Grain – Vom Messen und Wiegen" ist bis 30. September im Heimatmuseum Friedrichsdorf-Seulberg, Alt Seulberg 46 gegenüber der Kirche zu sehen (Zufahrt wegen Baustelle nur über Vilbeler Straße).

Geöffnet ist mittwochs und donnerstags von 9 bis 12 Uhr, sonntags von 14 bis 17 Uhr sowie nach Absprache (Tel. 06007-918628). Eintritt ist frei.

Ein Blick in Omas Küche!

Wiedersehen mit Omas Küche - auch das bietet die neue Ausstellung im Seulberger Heimatmuseum.

 

Frankfurter Rundschau – 28.8.07 - mit freundlicher Erlaubnis der FR