Duell auf dem Domplatz
Bad Homburg: Karte im Stadtarchiv entpuppt sich als älteste Stadtansicht von Münster in Westfalen - und zeigt ein tödliches Gefecht

Von Anton J. Seib

Zum Showdown kam es am 17. Juli 1607 am Domplatz im westfälischen Münster. Dort beförderte Graf von Galen bei einem heftigen Degengefecht seinen Widerpart, Erbmarschall Gerd von Morrien, ins Jenseits. Vier Jahrhunderte später läßt sich die dramatische Begegnung eindrucksvoll nachvollziehen - ein unbekannter Zeichner hat den Kriminalfall der Nachwelt überliefert, in einer mit Tusche gefertigten Ansicht von Münster. Die Karte ist jetzt im Bad Homburger Stadtarchiv entdeckt worden - aus Zufall.

Der Clou: Sie entpuppte sich als älteste erhaltene Stadtansicht Münsters. Das Kleinod schlummerte seit Ende des 19. Jahrhunderts im Bad Homburger Stadtarchiv - bis zum 7. Februar. An diesem Tag besuchte Holger Graf vom hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde gemeinsam mit Studenten für eine Führung das Stadtarchiv im Gotischen Haus.

Zufällig sah er die Karte von Münster. „Da hat es Klick gemacht", erinnert sich Graf. „Das ist Münster, ganz sicher." Er stellte den "Sensationsfund" bei einer Tagung in Münster vor. "Dort war man begeistert", sagt er. Denn die Forscher identifizierten den Fund schnell als die älteste bislang bekannte Stadtansicht Münsters.

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Die entdeckte Karte von Münster.        STADTARCHIV BAD HOMBURG

Ende April wird sie im Stadtmuseum von Münster ausgestellt. Doch dann kommt sie wieder zurück. „Die Karte bleibt im Besitz des Stadtarchivs", betont Oberbürgermeisterin Ursula Jungherr.

Bei der Karte handelt es sich um eine Auftragsarbeit an einen unbenannten Künstler. Der Anlaß ist blutig. Reichlich alkoholisiert hatte Graf Dietrich von Galen am besagten 17. Juli 1607 gegen 18 Uhr ein Namenstags-Gelage in der Münsteraner Siegelkammer verlassen. Er wollte mit seinen Gefährten in der Kurie des Domherrn weiterzechen. Auf dem Weg dorthin traf er auf Gerd von Morrien, mit dem ihn eine tiefe Feindschaft verband. Hintergrund war ein jahrelanger Streit um Jagdrechte im Davert, einem Waldstück im Münsterland. Die beiden Adeligen gerieten aneinander, der Streit gipfelte in einem Degengefecht - Galen versetzte Morrien einen tödlichen Hieb. Der Fall landete vor Gericht, von Galen wurde zu zwölf Jahren Kerkerhaft verurteilt. Im Prozeß diente die detailreich gefertigte Tuschzeichnung den Beteiligten als Tatort-Rekonstruktion.

Bei der Recherche über die Herkunft wurde den Historiker bald klar: Das Blatt gehört zum Nachlaß des 1885 in Homburg verstorbenen preußischen Archivrats Friedrich Ludwig Carl von Medem. Der Beamte hatte sich beim Aufbau des westfälischen Archivwesens eine umfangreiche Sammlung von Urkunden und Karten zugelegt, darunter auch die Karte von Münster und weitere Exemplare aus dem 17. Jahrhundert, die allesamt vor Gericht als Unterlagen für Grenzstreitigkeiten dienten.

Insgesamt 62 Stücke konnten dem Besitz Medems zugeordnet werden. Besonders bedeutend ist ein Handschriftenfragment: die zweite Seite eines Briefes des Theologen Ratramnus von Corbie (gestorben nach 866) an Erzbischof Rimbert von Bremen und Abt Adalgar von Corvey. Thema ist die Ehe unter Verwandten. Im 10. Jahrhundert wurde er auf frei gebliebenen Seiten des „Herforder Evangeliars" abgeschrieben, das heute in Krakau aufbewahrt wird. Das und andere seltene Stücke der Sammlung werden die Bad Homburger bald zu sehen bekommen. Das Stadtarchiv plant 2009 eine Ausstellung über Medems Nachlaß.

"Die Karte von Münster ist ein gutes Beispiel dafür, daß in Archiven unentdeckte Schätze schlummern", sagt Astrid Krüger, Leiterin des Bad Homburger Stadtarchivs. Allerdings seien sie für Historiker oft nur schwer auffindbar. Deshalb plädiert die Archivarin für die Schaffung von Online-Findbüchern. "Damit haben Heimatforscher die Chance, Bestände der Archive im Internet zu erkunden."

Frankfurter Rundschau – 3.4.08 - mit freundlicher Erlaubnis der FR

Schätze, die in unseren Archiven schlummern...