Bronzetafel für die Eselsreiterin
Magistrat erledigt Pflichtaufgabe / Kritik hält an

Die bis heute umstrittene Brunnenfigur der Eselsreiterin am Marktplatz hat einen erläuternden Text bekommen. Die Stadtpolitik will das Streitthema damit endgültig für beendet erklären. Die alten Kritiker grummeln weiter.

von Jürgen Streicher

Oberursel - „E bissi dünn", findet Eva Beyer vom Verein Frauen helfen Frauen den Text der neuen Informationstafel am so genannten Fastnachtsbrunnen. „Ich hätte gerne genauer erklärt gehabt, warum die Figur so umstritten ist."

Es werde zu wenig erläutert, worum es im kulturpolitischen Streit gegangen sei, als die Aufstellung der Eselsreiterin vor sechs Jahren die Menschen so polarisiert habe. „Dieses Brunnenmotiv ist bis heute heftig umstritten", heißt es lapidar auf der unscheinbaren Bronzetafel am Ende des achtzeiligen Textes.Eselsreiterin: "Aufklärende Tafel"

Ein Schaukasten sollte am Brunnen aufgestellt werden, der die „Entwicklung des dargestellten Brauchtums aus dem Mittelalter bis heute in allen Facetten darstellt", hieß es im einstimmigen Stadtverordnetenbeschluß vom November 2005, der den Streit beenden sollte. Nun muß man schon genau hingucken, um die kleine Tafel zu entdecken, die farblich dem Sandsteintrog angepaßt ist, auf dem sie befestigt wurde. Viel größer und besser sichtbar ist das Parkschild hinter dem Brunnen.

Eine „speziell installierte Arbeitsgruppe", so Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD) im Stadtparlament, habe in zwei Arbeitssitzungen den Text erarbeitet. Mit dabei Historiker und Fastnachter, Vertreterinnen des Frauennetzwerks und die Leiterin des Vortaunusmuseums, Renate Messer. „Ich finde den Text aus historischer Sicht in Ordnung, er ist kurz und prägnant", sagt Messer. Stadtarchivarin Andrea Bott, ebenfalls Mitglied der Arbeitsgruppe, möchte sich dazu nicht äußern, die Frauenbeauftragte Gabriela Wölki ist noch im Weihnachtsurlaub.

60 000 Euro für derben Spaß

Als Wölki ihr Amt im Rathaus zum Jahresbeginn 2001 antrat, war die Eselsreiterin schon beschlossene Sache. CDU, FDP und OBG hatten für die Bereitstellung von rund 60.000 Euro für das Projekt im Haushalt gestimmt, im Sommer 2001 wurde die Skulptur nach einer Vorlage des 1993 verstorbenen Oberurseler Künstlers Georg Hieronymi aufgestellt. Seit 2005 ist der Brunnen in der Wiederholtstraße der damaligen Brunnenkönigin Melanie I. gewidmet.

„Frauenfeindlich" nennen die Kritiker die Bronzeskulptur, „lustig" und ein Zeichen für den „derben Humor der Alturseler" meinen die Befürworter. Eine Frau sitzt verkehrt herum auf einem Esel, ihr von seiner Frau geschlagene Ehemann führt das Tier am Strick durchs Dorf. Die Frau trägt eine eiserne Schandmaske, sie hatte es gewagt, gegen den Mann und seine Herrschaft aufzubegehren.

Den Mitarbeiterinnen der benachbarten Frauenberatungsstelle am Marktplatz, die täglich mit Gewalt an Frauen konfrontiert sind, blieb „das Lachen im Hals stecken", als die Pläne verkündet wurden. Es hagelte Leserbriefe, die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen empörte sich, manche sahen Parallelen zu Inquisition und Hexenverbrennung, auf den städtischen Internet-Seiten wurde heftig im virtuellen Raum diskutiert. Und der damalige Bürgermeister Gerd Krämer (CDU), heftiger Fürsprecher der Pro-Eselsreiterin-Fraktion, hat sich beim Fastnachtszug „den Spaß gegönnt", sich rittlings zu seiner Karikatur auf den Esel gesetzt und ein Stück führen lassen. Er hatte „kein inhaltliches Problem" mit dem, was für andere frauenfeindliches Gedankengut darstellt.

KOMMENTAR
HERRlich
Von Jürgen Streicher

Ist sie nun frauenfeindlich oder blamiert sie den geschlagenen Mann? Macht sie den Herrn zum Gespött und zum Narren oder wird die Gegenwehr von Frauen als Reaktion auf männliche Gewalt lächerlich gemacht? Ist sie nur ein Zeugnis vergangenen und seit Jahrhunderten abgeschafften Brauchtums unserer Vorfahren oder tatsächlich ein Symbol herrschaftlicher Macht? Oder schlicht ein peinliches Relikt gedankenloser Kulturpolitiker, die zu unsensibel waren, um weibliche Befindlichkeit angesichts eines fragwürdigen Kunstwerks im Herzen der Stadt zu respektieren?

Kunst darf, soll, ja muß manchmal polarisieren. Die umstrittene Figur der Eselsreiterin hat für eine lang anhaltende öffentliche Diskussion gesorgt, sie wurde gar - unglaublich im beschaulichen „Orschel" - Opfer eines Farbbeutelanschlags. Besänftigen wollten die Stadtpolitiker daher. Gaben dem Magistrat den Auftrag, einen Schaukasten aufzustellen, der auch dem im lokalen historischen Brauchtum Unbedarften und Touristen eine Erklärung für die seltsame Dreiergruppe aus Narr, Esel und Frau bieten sollte. Verpflichtung zur Pflichtübung also im Sinne der Kunsterklärung mit Möglichkeit zur Kür.

Gelungen ist der „hochkarätig" besetzten Arbeitsgruppe weder die Pflicht noch die Kür. Statt eines Schaukastens wurde getarnt eine kleine Bronzeplatte mit dürftigem Text angebracht, der keineswegs wie gefordert die Entwicklung des dargestellten Brauchtums in allen Facetten darstellt. Thema verfehlt also.

Und die Kür? Warum das Motiv bis heute heftig umstritten ist, wird mit keinem Wort erwähnt. Der geneigte Tourist etwa und der interessierte Betrachter erfahren nichts von der lokalen Streitkultur. Frauenpolitische Hintergründe werden nicht beleuchtet, eine kulturphilosophische Betrachtung ausgeblendet.

Nur wer genau hinguckt, wird den Hauch von Kritik an patriarchalischen Strukturen entdecken. Im Begriff „HERRschende Ordnung" haben die Bronzetafeltext-Verfasser sie mit vier Großbuchstaben vermeintlich untergebracht. Thema verfehlt? Auf jeden Fall - irgendwie HERRlich.
Eselsreiterin Oberursel

So reitet sie seit fünf Jahren auf dem Esel und kommt nicht vorwärts. Vorneweg der Mann, der eigentliche Narr der närrischen Bloßstellung.

Frankfurter Rundschau - 4.1.07 - mit freundlicher Erlaubnis der FR

Auf Kosten von Frauen herzhaft lachen - immer noch ein derber Männer- Spaß? Als Brauchtum verkleidet?