Als der wackere Haudegen seine Braut entführte
In unserer Serie «Im Stadtarchiv aufgestöbert» geht es um die Erkenntnisse des früheren Stadtarchivars Rolf Rosenbohm zur Person des Flennels.

Von Karl Heinz Arbogast

Oberursel. Manfred Kopp, «Vater der Stadtführer», zieht bei seinen Altstadtrundgängen mit Schulklassen gern zum Turm von St. Ursula. «Seht ihr da oben den steinernen Kopf mit einer Art Narrenkappe? Das ist die sagenhafte Gestalt des Flennels», sagt Kopp. Und die Kinder lauschen gebannt der in Oberurseler Familien seit gut einem halben Jahrtausend mündlich überlieferten Geschichte eines Mannes, der die Ehre der im 15. Jahrhundert zur Stadtpatronin erkorenen St. Ursula herabgesetzt haben soll und dafür sein Leben lang vor der Kirchentür büßen mußte. Bei einer Kirchenrenovierung hat der Oberurseler Historiker Josef Friedrich den vom Säurefraß bedrohten Sandsteinkopf herausnehmen und durch eine unverwüstliche Kopie ersetzen lassen. «Früher wurde die Skulptur für eine weinerliche Frau gehalten und Flennels – weinende Else – genannt», erzählt Friedrich, der das Original in dem von ihm betreuten Turmmuseum aufbewahrt. «Als aber erkannt wurde, daß der Kopf eine Narrenmütze trägt, mit Eselsohren und Schellen auf dem Scheitel, war die Überraschung groß, und es hieß, dies sei der Ritter Elz von Dornstein, der als Narr geächtet wurde, weil er die Ehre der Stadtpatronin verletzte.» Der Kopf sollte der Nachwelt als Mahnung dienen.

Vor rund 40 Jahren ließ die Flennels den damaligen Stadtarchivar Rolf Rosenbohm nicht ruhen, und er befaßte sich intensiv mit dem Leben derer von Dornstein, wenngleich die Dokumentenlage spärlich war. Im Volksmund überliefert sind zwei Sagen, die von der Existenz des Flennels und dem Tod des «letzten Ritters von Dornstein» zeugen. «Ursprünglich lebte in Oberursel ein Geschlecht von Dornstein, das seine Burg in der Altstadt auf dem Gelände der heutigen Burg besaß und wahrscheinlich vom Geschlecht der Herren von Eppstein abgelöst wurde.» Die Dornsteiner lebten noch vor der Stadtwerdung Ursels 1444. Ein «Els von Dornstein» habe bis spätestens 1200 gelebt. Der Letzte des Geschlechts, «Hilbert von Dornstein», sei 1235 zu Tode gekommen. Um Hilbert rankt sich die mörderische Geschichte des «letzten Ritters», der ein «wackerer Haudegen und reich an Wäldern und Gütern» und mit dem Ritter Romuald von Königstein eng befreundet gewesen sein soll.

Diesem war «eine holdselige Tochter mit Namen Jutha erblüht», wie es in der Erzählung heißt, und die Hilbert heiß begehrte. Juthas Herz schlug aber für Hartmut von Askeborn, dessen Burg nahe dem heutigen Eschborn stand, der zwar arm war, aber «an Edelmut alle anderen Ritter weit übertraf».

Vater Romuald verkuppelt seine Jutha an Hilbert unter wilden Drohungen mittels eines gefügigen Burgkaplans und Erpressung. Hilbert kann die Braut nach Ursel führen, die ihm aber nicht zu Willen ist. Als Wochen später Hilbert einem Jagdvergnügen bei Königstein frönt, entführt Hartmut Jutha nach Askeborn. Dort erscheint Hilbert, dringt mit Verrat ein, seine Mannen morden und brennen, und «er selbst stürmt mit gezücktem Schwert durch alle Gemächer, Jutha zu finden und ihr den Stahl ins Herz zu bohren. Als er den blutigen Streich ausführen will springt Hartmut hinzu und versetzt ihm den Todesstoß.»

Jutha und Hartmut flohen aus der Burg durch einen unterirdischen Gang und bauten später die stattliche Burg Cronberg, geschichtlich fundiert als Hartmut II. von Eschborn und Cronberg, urkundlich erwähnt zwischen 1235 und 1252. Hilbert starb 1235 in den Eschborner Trümmern, und mit ihm endete auch das Geschlecht der Dornstein.

Wie kann aber ein Els von Dornburg 200 Jahre später das Modell für den Flennels-Kopf geliefert haben? Rosenbohm fand heraus, ein Mann namens Els oder Elz habe die Ursula-Legende von den bei Köln umgekommenen 11.000 Jungfrauen angezweifelt und öffentlich behauptet, es seien nur elf Opfer gewesen. Die Kirche habe ihn wegen dieses Frevels zum Tode verurteilt und der Mann sei ein Verwandter des Dornstein-Clans gewesen. In der Sage vom Flennels heißt es hingegen, ein Els von Dornstein sei «vor ein geistliches Gericht gestellt und zu 12 Jahren strenger Kirchenbuße verurteilt worden.

Nichts konnte ihn befreien, und so stand nun der Unglückliche verachtet und verhaßt, selten bemitleidet, dort am Kirchenpförtchen, bis der Tod seinem armseligen Leben ein Ende bereitete.» Sicher ist, daß der Sandsteinkopf erst im 15. Jahrhundert gemeißelt wurde. Rosenbohm hielt es für denkbar, daß der Kopf erst lange nach einem Els als Mahnung geschaffen wurde.

Höchster Kreisblatt - 5.12.08 - mit freundlicher Erlaubnis des HK