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Globalisierung anno 200 vor Christus Oberursel: Die Taunus-Kelten kauften Hand-Drehmühlen in der weit entfernten Osteifel
Von Stefanie Wefers
Schon zur Zeit der Kelten gab es die Globalisierung - zumindest, was den Handel mit Haushaltsgeräten angeht. Um 200 vor Christus bevorzugten die Kelten im Heidetränk- Oppidum moderne Getreidemühlen aus der fernen Eifel. Die Reibsteine aus dem nahen Vogelsberg verschmähten sie.
Das ergab die Auswertung von Funden aus den Keltensiedlungen, bei Oberursel und auf dem Dünsberg bei Gießen.
Um 200 vor Christus kam eine neue Version des bis zu 50 Kilo schweren Haushaltsgeräts „auf .den Markt". Dabei sind die beiden scheibenförmigen Steine mittig durchlocht, so daß sie mit einer hölzernen Achse verbunden werden können. Das zentrale Loch im oberen Stein ist größer als die Holzachse. Der bewegliche obere Stein kann mit einer Hand in Rotation versetzt werden; mit der anderen Hand füllt man das Getreide ein. Es wird durch die Rotation zwischen den beiden Steinen zermahlen, langsam zentrifugal nach außen transportiert und fällt schließlich als Mehl heraus.
Bei den älteren Mühlen ist der obere Reibstein nicht durchlocht, das Getreide muß immer wieder auf den unteren Stein geschüttet werden. Der obere Stein wird mit beiden Händen über einer Steinplatte hin und her bewegt.
Die neue Technik war etwa zwölf Mal effektiver, stellte sich beim Anwendungs-Test der beiden Mühlen-Versionen heraus. Wer die neuen Drehmühlen benutzte, gewann also Zeit, die für andere Tätigkeiten genutzt werden konnte. Und: Vor der Zeitenwende und auch noch in den ersten Jahrhunderten nach Christus mußte das Getreide täglich aufbereitet werden, denn Mehl ließ sich damals schwer ohne Schimmelbefall lagern. Kein Wunder, daß die neuen Hand-Drehmühlen bei den Kelten begehrt waren.
Trotz in der Nähe tätiger Steinmetze, die Hand-Drehmühlen aus hessischen Vulkangesteinen fertigten, kauften Bewohner des Heidetränk-Oppidum 50 Prozent und die des Dünsbergs sogar 70 Prozent ihrer Handdrehmühlen aus dem heutigen Mayen in der rheinland-pfälzischen Osteifel. Die zwischen 40 und 50 Kilo schweren Geräte wurden von Mayen aus per Schiff über Rhein, Main und Kinzig sowie Lahn und Dill über 100 Kilometer weit transportiert.
Daraus läßt sich zum einen schließen, daß die Mayener Handdrehmühlen vor mehr als 2000 Jahren als besonders qualitätsvoll angesehen wurden. Es verdeutlicht zum anderen, daß die Verkehrsinfrastruktur in der Osteifel besser organisiert war als diejenige, über die hessische Steinmetze ihre Drehmühlen verfrachteten.
Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz.
KELTENSIEDLUNGEN
Das Heidetränk-Oppidum liegt nahe der eisenzeitlichen Ringwallanlage des 798 Meter hohen Altkönigs an den Hängen des Urselbachtals. Die befestigte Stadt aus dem zweiten und ersten Jahrhundert vor Christus hatte eine Größe von 130 Hektar und war eine der europaweit vier größten keltischen Städte. Der archäologische Rundwanderweg beginnt an der Fußgängerbrücke beim Parkplatz nahe der Endstation der U-Bahn-Linie 3 Oberursel/Hohemark.
Auf dem Dünsberg gab es eine Keltensiedlung, von der noch heute drei konzentrische Ringwälle zeugen. Der äußere Ring umschließt ein Areal von 90 Hektar, bis zu 2000 Menschen lebten hier. Der Dünsberg war vom 8. Jahrhundert vor bis zum ersten Jahrhundert nach Christus besiedelt.
Frankfurter Rundschau – 13.12.07 - mit freundlicher Erlaubnis der FR
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