„Ich hoffe auf Stasi-Akten"
Der Historiker Manfred Kopp forscht über Camp King / Daß in der Kronberger Villa Menschen getötet wurden, hält er für nicht ausgeschlossen

Interview: Anton J. Seib

Sie sind ein Kenner der Geschichte von Camp King. Wann haben Sie das erste Mai vom „Unternehmen Artischocke" gehört?

Das war 2005. Ein Bekannter fragte mich, ob ich etwas von dem „Unternehmen Artischocke" gehört habe. Hintergrund war der erste Film von Egmont Koch. Ich habe erst einmal skeptisch reagiert. Das roch mir zu sehr nach Sensationsgier. Spionage übt ja häufig einen bestimmten Reiz auf Menschen aus.

Aber Kochs Thesen in Buch und Film klingen ja plausibel und sind mit Belegen untermauert.

Ja. Aber was Oberursel angeht, war es doch eine recht kurze Zeit. Dieser Frank Olson (CIA-Forscher) etwa war immer nur Tage hier. Ich bin der Meinung, daß das Camp King im „Unternehmen Artischocke" keine entscheidende Rolle gespielt hat.

Anders als die Villa Schuster in Kronberg.

Was Kronberg betrifft, bin ich ebenfalls eher vorsichtig, vor allem was den Umfang angeht. Aber im Zusammenhang mit der Erforschung von Verhörmethoden gegen feindliche Geheimnisträger gab es auch Versuche an Menschen.

Jetzt sollen aber, das belegt Koch gut in seinem Buch und Film, in der Villa Schuster bei „finalen Experimenten" Menschen ums Leben gekommen sein. Im Wald um die Villa sollen Leichen vergraben worden sein.

 
Ich halte so etwas für möglich, aber in diesem Umfang für nicht wahrscheinlich. Ich habe Franz Gajdosch (von den Amerikanern gefangener ehemaliger SS-Unterscharführer, später Barkeeper im Camp King) gefragt, der sagte: ,Ja, da soll jemand umgekommen sein.' Dann habe ich weiter gebohrt, und dann hat sich das ziemlich aufgelöst. Ich bleibe dabei: Ich gehe mit den Fakten sehr vorsichtig um.

Ich hoffe auf931

Manfred Kopp
aus Oberursel ist Lokalhistoriker mit dem Spezialgebiet Camp King.

Was haben Sie denn empfunden, als sie von den Menschenexperimenten gehört haben.

Es paßt in die Linie der US-Armee jener Zeit, alle Informationen zu sammeln, auch von Nazi-Wissenschaftlern, um sie für sich selbst zu nutzen - selbst gegen Widerstände in den USA.

Sie sammeln Informationen über die Geschichte von Camp King, Sie schreiben darüber. Wie gehen Sie jetzt mit diesem besonderen Aspekt um?
Ich versuche, diese Vorkommnisse in die Arbeit der CIA jener Jahre in Oberursel einzuordnen. Dahinter hat - wie gesagt - das Konzept gestanden, Nazi-Wissen beispielsweise über Verhörmethoden abzuschöpfen.

Wie wollen Sie diese Geschichte aufarbeiten? Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, und die können oder wollen nichts sagen.

Das ist wie ein Puzzle-Spiel. Aus vielen Einzelheiten ergibt sich dann plötzlich ein Bild. Ich hatte beispielsweise die Informationen über Folter an Kriegsgefangenen im Camp King in den Jahren 1945 bis 1947. Da ist es mir anfangs ähnlich gegangen wie beim Thema „Artischocke". Allmählich habe ich auf Grundlage vieler Informationen ein Bild bekommen: Die Amerikaner haben aus Rache Gefangene gefoltert.

Sie wollen das Thema in der Öffentlichkeit bekannt machen.

Ich werde im April 2008 einen Vortrag darüber halten und hoffe, daß ich bis dahin ein paar Sachen ausgegraben habe. Ich hoffe dabei auf eine Quelle, die ich noch nicht ganz abschätzen kann, die aber interessant ist, nämlich auf Stasi-Akten. Camp King war damals für die Stasi ein Feindobjekt. Und ich kenne einige interessante Einzelheiten aus Veröffentlichungen ehemaliger Stasi-Mitarbeiter.

Werden wir irgendwann einmal etwas aus Ihrer Feder über das „Unternehmen Artischocke" lesen können?

Im Kontext mit der Gesamtgeschichte des Camp King sicher, ich werde das aber nicht isoliert betrachten. Ich will keine Sensationslust befriedigen. Aber ich möchte wissen, auch um zur Wachsamkeit aufzufordern: Gibt es denn eine Kontinuität in der Kriegsführung von damals bis heute - Beispiel Irak.

Hatten Sie auch Kontakt zum Autor Egmont Koch?

Nein, aber ich hätte ganz gern einmal Einblick in die Untersuchung der Harvard- Universität zum Thema Camp King.

Frankfurter Rundschau – 12.1.08 - mit freundlicher Erlaubnis der FR