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Von der Sittenpolizei und dörflichen Spinnstuben VON GÜNTHER SCHERF Bad Homburg - Wer im 19. Jahrhundert in Ober-Erlenbach eine Spinnstube eröffnen wollte, bekam es mit der Sittenpolizei zu tun. Denn die Konzession für derartige Einrichtungen, in denen sich junge Mädchen und Frauen abends zum gemeinsamen Spinnen trafen, wurden nur unter strengen Voraussetzungen erteilt. So achtete man etwa darauf, daß „keine unsittlichen Lieder gesungen, daß keine dem ehrbaren Umgange widersprechenden Gespräche geführt oder Handlungen begangen, daß nicht mit Würfeln oder Karten gespielt, daß keine Gastereien (Gelage) gehalten, und keine leicht berauschenden Getränke genossen werden". Die Großherzogliche Hessische Regierung der Provinz Oberhessen forderte die Bürgermeister eigens auf, „hier besondere Sorgfalt walten zu lassen, vor allem Ortsfremden den Zugang zu den Spinnstuben zu verwehren". Im historischen Kontext gebettet Dies alles ist nachzulesen in dem neuen Buch „Streifzüge durch die Dorfgeschichte", in dem der Lokalhistoriker Joachim Ziegler alte und neue Aufsätze über Römer und Bauernbefreiung in Ober-Erlenbach, über den Abbau von Braunkohle, über die Sittengeschichte des 19. Jahrhunderts, über die Geschichte der Feuerwehr und der Dorfpolitik und vieles mehr zusammengefaßt hat. „Heimat soll etwas sein, das dem Individuum in unserer schnellebigen und unbeständigen Zeit eine sichere Basis bietet", begründet der 66 Jahre alte, promovierte Historiker und pensionierte Studiendirektor seine Forschungen in der Vergangenheit Ober-Erlenbachs. „Man bekommt sie allerdings nicht auf dem Tablett serviert, sondern muß sie sich erst erwerben."
ist pensionierter Lehrer und Heimatforscher in Ober-Erlenbach. Ziegler ist stets darauf bedacht, die Geschichte des Stadtteils nicht auf Skurrilitäten oder Lobhudeleien zu beschränken, sondern in die gesellschaftlichen Zusammenhänge der jeweiligen Zeit einzuordnen. So erfahren seine Leser beispielsweise auch, daß die Spinnstuben der moralisierenden Obrigkeit in ganz Hessen verdächtig waren, weil sich dort junge Leute trafen, wenn die Älteren schon schliefen - vielleicht auch, um den einen oder anderen erotischen Kontakt zu knüpfen. Und man kann auch nachlesen, daß Obrigkeit und Kirche sich seinerzeit nur allzu gern um private Moral kümmerten: So beklagten sich Pfarrer und Kirchenvorstand einst beim Innenminister in einem langen Brief über zehn „Familien", die nach kirchlicher Ansicht keine waren. Die Familienväter mit bis zu drei Kindern, die da nicht akzeptiert wurden, waren Pendler, die vermutlich in Frankfurt und Homburg arbeiteten und nur am Wochenende heimkamen, darunter zwei „Ausländer" - aus dem Königreich Bayern. Tatsächlich versuchte die Obrigkeit, die Polizei in den Kampf um die Sittlichkeit zu schicken - mit begrenztem Erfolg, wie bei Ziegler nachzulesen ist. Viele Fotos und Bilder Das 24 Aufsätze enthaltende Buch befaßt sich beispielsweise auch mit den Spuren, die die Römer in Erlenbach hinterlassen haben, mit den Auswanderungen von Ober-Erlenbachern nach Amerika (1854 -1888) und mit dem Abbau von Braunkohle unter dem heutigen Wohngebiet „Wingert", dessen Spätfolgen vor mehr als zehn Jahren in Diskussion gerieten. Der 230 Seiten dicke Band ist zudem reich bebildert - so mancher Ober-Erlenbacher wird wohl sich oder seine Vorfahren darin wiederfinden.
„Streifzüge durch die Dorfgeschichte"
ZUR PERSON
Frankfurter Rundschau - 08.08.2006 - mit freundlicher Erlaubnis der FR |