Toter Fürst ist schon in Wiesbaden
Aus Angst vor Grabräubern schweigen Archäologen bei sensationellem Fund

Von Jürgen Streicher

Grab eines Keltenfürsten in Bommersheim gefunden! So eine Schlagzeile schmeichelt jedem Archäologen, dem ein großer Fund gelungen ist. Vor zwei Wochen schon hätte sie so in der FR stehen können, doch die grabenden Archäologen auf dem Gelände der Burgwiesenschule Bommersheim entschieden sich fürs Schweigen. Die aus wissenschaftlicher Sicht sensationellen Funde sollten geschützt werden. Erst jetzt wurden sie bestätigt.

Schlagzeilen von außerordentlichen Funden locken nämlich auch Publikum an Grabungsstellen, das jeder Archäologe als Feind bezeichnet: Grabräuber. Karl-Friedrich Rittershofer vom Deutschen Archäologischen Institut spricht vom „organisierten Verbrechen an der Menschheit", wenn aus „falsch verstandener historischer Begeisterung" oder durch Habgier von Profis ganze Bodenarchive zerstört werden. Diese seien mit Metallsuchgeräten unterwegs, um ihre Beute später auf einem weltweiten Schwarzmarkt oder im Internet zu verkaufen.

Doch jetzt kann Grabungsleiter Frank Lorscheider wieder mit der ihm eigenen Begeisterung von seinen Funden sprechen. Die Überreste des wahrscheinlichen Keltenfürsten sind geborgen und nach Wiesbaden gebracht, wo im Landesamt für Denkmalpflege Laboruntersuchungen mehr Erkenntnisse liefern sollen.

Viel hat man nicht mehr von ihm gesehen, auf vier Zentimeter Hohe waren Leichnam und Beilagen geschrumpft, nur einzelne Knochen noch zu erkennen, ein Teil vom Schild, Zahnreste. Rund 2400 Jahre liegt die Bestattung auf Bommersheimer Boden zurück, auf die La-Tene-Zeit datiert Lorscheider Leben und Tod des Keltenfürsten. Also auf die Übergangszeit in die keltische Hauptphase, in der die große Keltensiedlung Heidetränk- Oppidum ein paar Kilometer weiter nördlich am südöstlichen Taunushang gebaut wurde.

Die Grabbeigaben deuten auf den hohen Stand des Toten. Schild und Lanze, ein Pfeil, Halsringe, wie es einem Fürsten gebührte und wie sie auch beim berühmten Keltenfürsten vom Glauberg gefunden wurden. Nur wenige Meter entfernt buddelten Lorscheider und sein siebenköpfiges Team eine weitere Grabstätte frei, ein Kind wurde dort bestattet.

Toter Fürst von Bommersheim


Auf dem Gelände des Neubaus für die Burgwiesenschule entdeckten die Archäologen ein keltisches Fürstengrab.

„Die Situation ist verrückt", sagt der Archäologe. Ein Jahr konnte er mit noch mehr Leuten graben, doch „die Zeit lauft uns weg". Am Montag sollten eigentlich schon die Bagger für den Schulneubau anrollen, jetzt kommen sie eine Woche später. Parallel dazu darf Lorscheider noch bis Ende Oktober graben.

Um die Struktur der Burganlage der Bommersheimer Raubritter war es den Forschern bei ihren monatelangen Grabungen gegangen, bis kurz vor Schluß der Keltenfürst und Fundstücke aus der Hallstattzeit dazu kamen. Von „tollen Funden" hatte Bezirksarchäologe Udo Recker im Landesamt für Denkmalpflege schon da geschwärmt. Und versprochen, daß sie ins Oberurseler Vortaunusmuseum wandern sollen, weil sie dort als ein Teil der Lokalgeschichte hingehörten.

Was allerdings aus dem Keltenfürsten wird, ist noch unklar. Museumsleiterin Renate Messer hat die ersten Bauteile der Burg für ihre Sammlung bereits bekommen, auch die Grabbeigaben des Fürsten hätte sie gerne. Das Schweigen der Archäologen kann sie indes gut nachvollziehen. Die vielen Grabräuber, sagt sie, die bei Schlagzeilen wie „Schätze im Oppidum gefunden" auftauchten, seien „verheerend für die Wissenschaft".

Frankfurter Rundschau - 11.10.07 - mit freundlicher Erlaubnis der FR

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