Gleich zwei Mal vom Kirchturm gefallen – und keine Schäden
Für unserer Serie «Im Stadtarchiv aufgestöbert» berichtet der Oberurseler Historiker Josef Friedrich über wichtige Details aus der Geschichte der Glocke «Maria Crafft».

Von Karl Heinz Arbogast

Oberursel. «Unsere größte Glocke, die Maria Crafft, deren 500. Geburtstag die Pfarrei St. Ursula mit der Stadtbevölkerung im August feiert, hat mehr Gewalt auszustehen gehabt, als die meisten Bürger wissen; sie stürzte nicht nur 1645 aus dem gebrandschatzten Kirchturm, sondern bereits beim ersten Feuersturm 1622 einmal in die Tiefe», sagt Josef Friedrich, der im Zusammenhang mit dem «Spiel von der befreiten Glocke» nochmals versucht hat, alle spärlichen Unterlagen über die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges in Ursel auf Glockenhinweise zu durchforsten.

Friedrich stieß auf einen Hinweis in der Chronik von Dr. Ferdinand Neuroth, 1955 mit Genehmigung und Unterstützung des Magistrates herausgebracht, daß ein Frankfurter Handwerker im Jahr 1624 laut erhalten gebliebener Rechnung an die Stadt die Glocke «uff dem hohen Turm neu gehenket» und dafür mit 5 Gulden und 24 Albus bezahlt worden war. Die drei Knechte erhielten 13 Albus, und die Stadt übernahm auch die Zehrkosten an fünf Tagen. Ein Oberurseler bekam «1 Gulden zu Lohn, daß er zweieinhalb Tage dem Glockenhenker die große Glocke zu henken geholfen» und ein Ludwig Jost half an einem Tag. Das Ereignis, dieser erste Glockensturz im Jahr 1622, der Brand der Kirche und der erst 1624 erfolgte Wiederaufbau des Glockenturmes gingen in den weiteren Schreckensjahren dieses großen Krieges im Bewußtsein der Menschen unter, zumal bei diesem ersten Stadtbrand bereits das Rathaus mit allen Unterlagen von den plündernden Scharen des «tollen Christian» abgefackelt wurde und 23 Jahre später die noch umfangreichere Brandschatzung von Oberursel alle Akten zu Asche werden ließ.

Friedrich: «Der zur evangelischen Partei gehörende Herzog Christian von Braunschweig hatte 1622 von Westfalen zur Pfalz ziehend den Taunus berührt. Die kleine kurmainzische Besatzung der befestigten Stadt hatte zwar zunächst die Mauern und Türme besetzt, war aber geflohen.» In der Neurothschen Chronik liest sich das so: «Am 5. Juni ist ein starker Trupp der Braunschweigischen auf Ursel gezogen. Wie nun der kurmainzische Leutnant darinnen – unerachtet er zuvor mit Abhauung der Bäume und Niederreißen der Gärten zur Fortifizierung selbigen Städtleins sehr geschäftig gewesen – dies gesehen, hat er sich kurz bedacht und ehe der Feind ankommen, davon gemacht und sind also die Braunschweigischen ohne Widerstand hereinkommen und mit Plündern und Verwüstens darinnen ihres Gefallens gehauset.»

Der Herzog nahm zwar in Ursel zunächst Quartier, das hinderte ihn aber nicht, beim Weiterziehen die Stadt anzünden zu lassen, ebenso wie Eschborn, Sulzbach und Nied. Von den damals rund 300 Wohnhäusern brannte die Hälfte, darunter Rathaus, Pfarrhaus und Kaplanei, nieder. Wenzel Junghenns Druckerei ging ebenfalls in Flammen auf und er selbst scheint die Katastrophe nicht lange überlebt zu haben, denn das neue Steuerheberegister notiert nur noch «Wenzel Junghenns Wittib». Die Kirche und ihr Turm brannten innen aus, doch gelang es, die Kirche bereits ein Jahr später so weit zu restaurieren, daß der Weihbischof von Mainz sie 1623 wieder konsekrieren konnte. Beim Turm dauerte der Aufbau bis 1624. Pfarrer Kissing hinterließ im Kirchenbuch einen Eintrag, daß auch die Orgel stark beschädigt wurde, möglicherweise weil die Plünderer darinnen Wertsachen versteckt vermuteten.

Bekannt wurde, daß die während des Brandes erneut in die Stadt einfallenden und plündernden Truppen die fliehenden Urseler, die im Gebiet der Hohemark ihr Vieh und ihre Habe in den Wäldern verstecken wollten, mit Gewalt zurückholten, ausraubten und der Stadt noch eine «Brandschatzung» von 400 Talern wegen dieser «Flucht» auferlegten. Allerdings hatte der «Tolle Christian» wenig Freude an seinem Sieg. Die kaiserlich-spanischen Truppen unter Tilly bereiteten ihm bei Höchst eine schwere Niederlage und übten große Vergeltung an den Oberurseler Mordbrennern. Über 500 Gefangene in Höchst und weitere 50 in Kronberg wurden getötet.

Dieser Glockensturz von 1622 und der weitere von 1645 stellen dem Glockengießer, dem kurfürstlichen Büchsenmeister Georg Crafft, ein sehr gutes Zeugnis aus. 1622 war zwar der ganze Glockenstuhl zerschlagen und verbrannt worden, aber die erzene Ruferin überlebte den Sturz ebenso wie 1645 ohne Bruch. Natürlich kann die 2600 Kilogramm schwere «Hauptperson» nicht an den vier geplanten Theatervorführungen in Alt-Orschel teilnehmen, wohl aber ist eine leichtere, aber gleich große Vertreterin in Arbeit, die zum Schlußbild auf der Bühne erscheinen wird. Unsere Zeitung hatte mehrfach nach Zeitzeugen und Hinweisen auf eine weitere «Glockenstellvertreterin» gesucht, die 1964 beim Stadtfest im Festzug zu sehen war. Trotz Bildveröffentlichung und vielen Recherchen von Norbert Zeller war nur zu ermitteln, daß diese Glocke nach dem Festzug wahrscheinlich auf dem damals noch in der Stadtmitte befindlichen städtischen Bauhof gelagert wurde und dort irgendwann «verschütt» ging, Wir entdeckten allerdings noch eine weitere, 44 Jahre alte Aufnahme dieser Glocke im Festzug von 1964.

Höchster Kreisblatt - 30.7.08 - mit freundlicher Erlaubnis des HK