Wettbewerb für drei Gedenkstätten an der neuen EZB
„Authentische Orte" sollen auf dem ehemaligen Gelände der Großmarkthalle an Deportationen von Juden in der NS-Zeit erinnern

Drei Gedenkstätten auf dem Gelände der ehemaligen Großmarkthalle sollen an die Juden- Deportationen während des Nationalsozialismus erinnern. Im Sommer beginnt ein Wettbewerb unter Architekten, Künstlern und Landschaftsplanern. Das Ergebnis erwarten die Veranstalter im Herbst.

Frankfurt - Auf einer L-förmigen Grünzone, die im Süd-Osten an das künftige Gelände der Europäischen Zentralbank (EZB) grenzt, liege das Wettbewerbsgebiet, sagte Stadtplaner Dierk Hausmann in der Sitzung des Ortsbeirats 4 (Bornheim, Ostend). Das habe eine Arbeitsgruppe aus EZB, Jüdischer Gemeinde und Stadt beschlossen.

 

    DEPORTATIONEN

    - Die Großmarkthalle diente den Nazis zwischen 1941 und 1945 als Hauptsammelpunkt für Juden, die in Konzentrationslager und Gettos im Osten deportiert wurden.
    - Im Keller der Markthalle wurden jüdischen Frankfurter zusammengetrieben, registriert, ausgeraubt  und misshandelt.
    - 18 mal gingen Güterzüge mit insgesamt 9400 Menschen zu den Orten der Vernichtung von der Großmarkthalle ab. Der erste Transport, am 19. Oktober 1941, ging nach Lodz (Litzmannstadt), der letzte am 14. Februar 1945 nach Theresienstadt.
    - Seit 1997 erinnert eine Gedenktafel der Stadt Frankfurt an die Deportation.
    - Das Gelände der Großmarkthalle gehört inzwischen der EZB. BOS

Außer der Grünanlage, die sich vom Main bis zur Hanauer Landstraße zieht und auf der das frühere Stellwerk steht, soll auch der Keller in der Großmarkthalle die Gleisanlage südlich der Halle einbezogen werden. Wie die drei Gebiete miteinander verbunden werden können, sei noch offen, sagte der Stadtplaner. Denkbar sei eine „visuelle oder virtuelle Beziehung".

Fest stehe, dass eine Gedenkstätte auf dem Areal der EZB nicht unangemeldet besucht werden kann. Dieser Punkt sei eine „Rahmenbedingung, die alle Beteiligten akzeptiert haben". Der Keller in der ehemaligen Großmarkthalle, wo jüdische Frankfurter festgehalten und misshandelt worden sind, bleibe nicht gänzlich unverändert, sagte Hausmann. „Nur der Teil, von dem man weiß, dass er authentisch ist", werde als Gedenkstätte freigegeben. Außerdem bleibe die Gleisanlage südlich der Großmarkthalle, von der aus die Deportationen abgefahren seien, erhalten. Zwar sei die Anlage in den 50er Jahren erneuert worden, „doch nach Ansicht der Arbeitsgruppe ist sie trotzdem ein Symbol".

„Bedrückende Situation"

Gleise, die während der EZB-Bauarbeiten herausgenommen werden, müssten wieder verlegt werden. Derzeit formuliere die Arbeitsgruppe die Grundlagen, sagte Hausmann. Im Sommer könne dann der Wettbewerb europaweit mit internationalen Zuladungen ausgelobt werden. In einer ersten Stufe sollen Architekten, Künstler und Landschaftsplaner erste Überlegungen einreichen. Aus diesen werde eine Jury, in der unter anderem Vertreter der EZB, der Jüdischen Gemeinde, der Stadt und des Ortsbeirats sitzen sollen, 30 Bewerber auswählen, die einen Entwurf erarbeiten sollen. Laufe es wie geplant, „könnten wir im Herbst mit einem Ergebnis rechnen".

Unklar ist laut Hausmann noch, wer für den Bau und Unterhalt der Gedenkstätten aufkommt. Bislang gebe es nur eine Zusage „auf Arbeitsebene", dass die EZB den Keller, und die Stadt das öffentliche Gelände finanzieren wird. Die Kosten für den Wettbewerb wollen sich beide teilen.

Die Stadtverordnete Heike Hambrock (Grüne) bezeichnete es als positiv, dass der historische Keller erhalten bleiben soll. Sie bemängelte aber, dass die drei Gedenkstätten nicht vernetzt werden. Dem schloss sich Martin Ried, Grünen-Chef im Ortsbeirat 4, an: Künftig werde das EZB-Hochhaus zwischen dem Keller und dem Grünstreifen am Mainufer liegen. Diese Bereiche seien dann getrennt und hätten keinen Bezug mehr zu einander, kritisierte er. „Es muss eine sinnliche Erfahrbarkeit zur Halle geben, sonst könnte man gleich irgendwo bauen."

Ein Mahnmal direkt am Hochsicherheitszaun der EZB zu errichten, würde eine „bedrückende Situation" ergeben, sagte eine Künstlerin, die sich an dem Wettbewerb beteiligen möchte. Da das Gelände rund um die Bank als tiefer liegender Garten geplant sei, sagte Hausmann, sei davon auszugehen, dass an dieser Stelle kein Zaun nötig sei. Sicher sei, dass die EZB keine Mauer errichten werde. 
Boris Schlepper
Großmarkthalle Frankfurt ca. 1930

Auf diesen Gleisen hat man die jüdischen Frankfurter, die in der Großmarkthalle zusammengetrieben worden waren, in Eisenbahnwaggons abtransportiert; Aufnahme um das Jahr 1930.

Frankfurter Rundschau - 17.2.06 - mit freundlicher Erlaubnis der FR