Statistisches Bundesamt in Wiesbaden
Das Gedächtnis der Republik
Was kostete vor 60 Jahren ein Suppenhuhn? Im Keller des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden lagert die Antwort sogar auf solche Fragen.

Von Gaby Buschlinger

Von wegen "Früher war alles besser". Im Keller des Statistischen Bundesamts liegt der Gegenbeweis, und zwar in Form etlicher ebenso gewichts- wie geschichtsträchtiger Kladden im DIN-A4-Format.

Fein säuberlich mit Schreibmaschine getippt sind tabellarisch beispielsweise die Butterpreise notiert. Für ein Kilo mußten die Wiesbadener vor gut 60 Jahren - Mitte November 1948, um genau zu sein - nämlich satte 32 Mark hinblättern. Heute kostet ein 250-Gramm-Paket 60 bis 70 Cent, macht einen Kilopreis von im Schnitt schlappen 2,60 Euro. Übrigens: Die Frankfurter mußten für ein Kilo Butter zur selben Zeit sogar 40 Mark hinblättern, die Münchner wiederum nur 20 Mark. Auch das steht in einer der besagten Kladden.

Bei Suppenhühnern sah es früher auch nicht besser aus. So kostete Mitte November 1948 ein Kilo "Suppenhuhn, unausgenommen" in "I. Qualität" 15,50 Mark in Wiesbaden. Die Frankfurter mußten 17 Mark berappen, während die Münchner mit nur fünf Mark dabei waren.

In dieser aktuellen Krise sind Informationen zum Schwarzen Sonntag 1929 gefragt

Aber vielleicht war früher das ein oder andere besser. Zumindest die Kartoffelpreise klingen äußerst verbraucherfreundlich: So kostete vor gut 60 Jahren ein Kilo "Speisekartoffeln, gelbfleischig" in Wiesbaden 14 Pfennige. Wie übrigens auch in Frankfurt und München.

Butter, Suppenhühner, Kartoffeln, aber auch Weißkohl, Zwiebeln, Äpfel - wie viel Lebensmittel, Mieten oder Kleidung wann und wo gekostet haben, all das ist im Keller des Statistischen Bundesamts nachzulesen.

Seit der Gründung der Bundesrepublik vor 60 Jahren gibt es diese Zahlensammel-Behörde, und bereits ein Jahr zuvor begann man damit, in dem kürzlich frisch renovierten Gebäude am Gustav-Stresemann-Ring mit seiner jetzt markanten blau-türkisen Fassade und der Pferdeskulptur vor dem Haupteingang sämtliche Daten und Fakten im Magazin zu horten. Insgesamt füllen eine halbe Million Hefte, Bücher, Folianten, Atlanten, Landkarten sechseinhalb Regalkilometer - nebeneinandergestellt würden alle Werke mindestens vom Kurhaus bis zum Schloss Biebrich reichen.

"Und jedes Jahr kommen etwa 25 weitere Regalmeter hinzu", sagt Günter Hinkes. Der Bibliothekar gehört seit 1986 zu dem 19-köpfigen Team, das alle Neuanschaffungen sortiert, kartiert und etikettiert. Etwa 5000 neue Bücher drängen Jahr für Jahr ins Magazin. Den Ausdruck "Archiv" verbittet sich der Fachmann: "Weil wir hier keine Akten lagern, sondern nur Veröffentlichungen." Ach so.

Aber jetzt sind die knapp vier Meter hohen Rollregale in den beiden Magazinräumen im Keller doch schon proppenvoll bis obenhin. "Das täuscht", lacht Günter Hinkes. In fünf bis acht Jahren, so seine Schätzung, "wird es eng für die Bücher". Aber wozu braucht man all diese alten Zahlen, warum hebt man sie ewig auf, statt mal auszumisten?

"Vieles ist schon für Spezialisten", räumt Hinkes ein. Interessant würden die angestaubten Daten wieder dann, wenn sie historische Bedeutung bekämen. "Gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise sind die Zahlen nach dem schwarzen Sonntag 1929 gefragt", sagt Referatsleiter Dirk Münstermann. Wirtschaftswissenschaftler und Politiker könnten Rückschlüsse daraus ziehen, Prognosen daraus ableiten und - hoffentlich - vernünftiger staatlich eingreifen.

Aber nicht nur Ökonomen, Studenten, Medienvertreter und Politiker sowie natürlich die rund 2700 Mitarbeiter der eigenen Behörde sind Stammkunden bei den Hütern der Zahlen. Auch Interessierten vom Rentner bis zur Hausfrau stehen Jahrbücher, Statistiken und Fachliteratur offen.

Wer was zu Schwangerschaftsabbrüchen, Bevölkerungsentwicklung, Einnahmen aus Tabak- und Mineralölsteuer, Bierkonsum, Bruttoinlandsprodukt oder Außenhandelsbilanz wissen will, für den gehen die Bibliotheksmitarbeiter in den Keller und zücken die gewünschten Quellen, die dann kostenlos ausgeliehen oder kopiert werden können.

Fragen zu aktuellen statistischen Ergebnissen beantwortet derweil der Informationsservice des Hauses. Laut Hinkes wächst die Nachfrage nach historischen Daten spürbar. Daher plant die Bibliothek, die papiergebundenen Veröffentlichungen des Bundesamts schrittweise zu digitalisieren, um sie jedermann kostenlos zur Verfügung zu stellen. Aber keine Sorge: Der Keller wird dadurch nicht leerer. Zum Schutz der Originale vor Papierzerfall werden die wertvollsten Exemplare schrittweise entsäuert.

So konnten laut Hinkes bereits mehrere Tausend Bände gerettet werden.

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Bibliothekar Günter Hinkes hat den Überblick über mehr als eine halbe Million Bücher, Atlanten und Folianten

Im Lesesaal steht Fachliteratur aus vielen anderen Ländern

Insgesamt ist das Gedächtnis der Bundesrepublik aber nicht von gestern: Im Lesesaal des Statistischen Bundesamtes gibt es fast alle Tageszeitungen sowie jede Menge Statistik-Zeitschriften und Nachschlagewerke. Auch Fachliteratur und Jahrbücher aus etlichen Ländern der Welt stehen Interessierten hier kostenlos zum Lesen zur Verfügung.

Frankfurter Rundschau - 19.8.09 - mit freundlicher Erlaubnis der FR

Die Bibliothek

Das Statistische Bundesamt betreibt in Wiesbaden, Gustav-Stresemann-Ring 11, die größte Spezialbibliothek für Statistik in Deutschland.

Eine halbe Million Bücher, Zeitschriftenbände und CD-ROM befinden sich in den beiden Magazinräumen im Keller. Zudem sind 1000 aktuelle Zeitschriften im Angebot, teilweise ausschließlich in digitaler Form.

Schwerpunkt sind amtliche Statistiken des Bundes und der Länder. Zudem sind Statistiken des Deutschen Reiches sowie aus der DDR verfügbar. Auch Veröffentlichungen ausländischer Statistikämter gibt es, zudem statistische und wirtschaftswissenschaftliche Fachliteratur.

Der gesamte Bestand ab 1982 steht über den elektronischen Bibliothekskatalog im Internet jedermann weltweit für Recherchen zur Verfügung. Einen Großteil der eigenen Veröffentlichungen publiziert das Statistische Bundesamt mittlerweile nur noch digital, so daß auch diese jedermann kostenlos herunterladen kann. Die gedruckten Bestände werden im Rahmen des nationalen und internationalen Leihverkehrs auch an andere Bibliotheken versandt.

Geöffnet ist der Lesesaal montags bis donnerstags von 9 bis 15 Uhr, freitags von 9 bis 14 Uhr. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Bei detaillierteren Fragen wird jedoch eine Voranfrage (Telefon 0611/75-4573) empfohlen, damit die gewünschte Literatur schnell zur Verfügung gestellt werden kann. Zutritt zum Magazin haben nur die 19 Bibliotheksmitarbeiter.

www.destatis.de/bibliothek

Frankfurter Rundschau - 19.8.09 - mit freundlicher Erlaubnis der FR

Hinweis:
die genannten Butterpreise sind Schwarzmarktpreise. Die “legalen” Preise lagen bei 5,12 DM/kg.

Möchten Sie die Original-Berichte sehen?
Die Qualität ist zwar nur sub-optimal. aber die Dateien sind lesbar (pdf): 1948, 1949.

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