Frankfurt blättert die Goldene Bulle auf
Stadt präsentiert 640 Jahre alte Ausgabe des kaiserlichen Gesetzes / Zum Jubiläum im Herbst wird die "Magna Charta Deutschlands ausgestellt.

Alles andere als „ein nichtsnutzig Pergament", wie es Ludwig Börne nannte: Das kaiserliche Gesetz der Goldenen Bulle hat Frankfurt groß gemacht. Das 86- Seiten-Buch mit dem Goldblech-Siegel ist als Touristenattraktion einst durch viele Hände gegangen. Heute wird es nur noch mit weißen Handschuhen angefaßt.VON CLAUDIA MICHELS

Im Karmeliterkloster, an verschwiegenem Ort mitten in der Metropole Frankfurt am Main, kam es am Freitag zu „einem historischen Moment", wie eingangs einer Pressekonferenz versichert wurde.

Ganz oben unterm Dach blätterte Michael Matthäus, Mittelalter-Experte des Instituts für Stadtgeschichte, mit spitzen Fingern in weißen Handschuhen das Dokument der „Goldenen Bulle" auf, das 640 Jahre alte „Frankfurter Exemplar" eines 650 Jahre alten kaiserlichen Gesetzes. Die in akkuratester Schrift beschriebenen Seiten knackten sanft beim Blättern, denn sie sind aus Pergament und fest wie am ersten Tag, sie zeigen keine Alterungserscheinungen.

Nur Partikelchen der Tinte, die im Mittelalter aus einer Mischung von Ruß, Galläpfeln, Erdfarbstoffen, Wasser und Öl bestand, könnten abplatzen, wenn man zum Beispiel die Betrachtungen über die Nachteile der Zwietracht nachlesen will, die Kaiser Karl IV. von seinem Schreiber in die Vorrede auf den ersten Seiten aufnehmen ließ. Ehe der Schreiber auf Seite 22 anlangte, wo festgehalten ist, daß die sieben Kurfürsten zur Bestimmung eines neuen Herrschers in die Frankfurter Bartholomäuskirche gehen sollen, wo sie den Wahl-Eid zu sprechen haben.

Gesetzbuch mit Kaisersiegel auf Goldblech: Die Goldene Bulle hat Frankfurt vor 650 Jahren zum Wahlort deutscher Könige bestimmt. Das 640 Jahre alte „Frankfurter Exemplar" war eine Touristenattraktion ersten Ranges. Heute liegt es im Tresor. Sehen Sie die Goldene Bulle hier:  Geschichte Frankfurt.

Weil man auch später noch nachlesen können soll, wie es im Jahr 1356 mit der Vorrangstellung Frankfurts begann, bleibt das Gesetzbuch in der aus drei Tresoren bestehenden Privilegienkammer des Klosters unter Verschluß. Wenn es nicht, wie gestern, vom Institut für Stadtgeschichte und der „Gesellschaft für Frankfurter Geschichte" „als Appetithappen" für den bevorstehenden Jubiläumstrubel zur „Goldenen Bulle" vorgezeigt werden soll. Im Herbst wird Seite 22, Kapitel zwei, in einer Ausstellung für alle aufgeblättert - aber bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit, 18 Grad Lufttemperatur und unzugänglich in einer Vitrine.

Der Kalbsleder-Einband des dicken Gesetzbuchs sieht abgegriffen und fleckig aus. Auch kann man nicht mehr erkennen, daß er mal rot war, wie Michael Matthäus, der diesen Schatz des Klosters hütet, versicherte. Denn dieses Exemplar des kaiserlichen Reichsgesetzes wurde „nicht nur bei jeder Wahl zu Rate gezogen". Aus einer Quelle des 17. Jahrhunderts geht hervor, daß mehrere tausend Personen die Goldene Bulle besichtigt hätten. Spätestens „seit dem Ende des 18. Jahrhunderts", hat Matthäus festgestellt, „konnte sie gegen eine Gebühr von einem Dukaten von jedermann besichtigt werden". Michael Matthäus erzählt auch gern die Anekdote über jenen Engländer, „der extra zur Besichtigung der Goldenen Bulle nach Frankfurt reiste und sehr enttäuscht war, weil er nicht, wie erwartet, einen goldenen Stier vorfand, sondern nur ein Pergamentheft mit goldenem Siegel". Die „Magna Charta of Germany", als die ein amerikanischer Reisender das Gesetzbuch mal einschätzte, war von einer Aura umgeben.

Goethe war ergriffen

Der junge Goethe war schon früh eingeweiht, was da im Römer bewahrt wurde: „Desto mehr ward unsere Einbildungskraft angeregt und das Herz uns erhoben," schreibt er in „Dichtung und Wahrheit", „als wir (...) die Erlaubnis erhielten, beim Vorzeigen der Goldenen Bulle an einige vornehme Fremden auf dem Rathause gegenwärtig zu sein."

Dagegen hielt Ludwig Börne die Bulle „als Knabe für eine Kuh mit goldnen Hörnern". Als er die Wahrheit erkannte, „daß sie nemlich nur eine alte Haut sey, ein nichtsnutzig Stück Pergament", wurde das Gesetzbuch für Börne (1786-1837) zum „miserabelen Contract, wodurch Deutschland zu Grunde ging". Er, der mit dem Alten Reich Unfreiheit verband, wollte „sterben, ohne die Goldene Bulle gesehen zu haben".

 

Gesellschaft für Frankfurter Geschichte

- „Geschichte ist in", hat die Gesellschaft für Frankfurter Geschichte erfahren. Und das nicht erst, nachdem in Frankfurt die Sehnsucht nach der Altstadt erwacht ist. Seit einem Jahr ist die frühere Frankfurter Sportdezernentin Sylvia Schenk erste Vorsitzende. Der Verein möchte „allen Bevölkerungsgruppen, besonders Kindern und Jugendlichen, Zugang zur Geschichte verschaffen". Dazu dient die Vortragsreihe zu „650 Jahren Goldene Bulle", der 2006/2007 eine Reihe zur Musikgeschichte folgen wird. Danach soll das Thema Sportgeschichte aufgearbeitet werden.
- Für Kinder soll es eigene Frankfurt-Geschichtsbücher geben. Für Neu- Frankfurter soll möglichst „ein Crash-Kurs Frankfurt-Geschichte entwickelt werden".

Kontakt: Münzgasse 9, 60311 Frankfurt, Tel.: 069/28 78 60 - CLAU