Verfluchtes Halsabschneiden
Die Marburger Uni wertet Privatbriefe hessischer Soldaten aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg aus

Von Gesa Coordes

Der Marburger Historiker Holger Graf vom Landesamt für geschichtliche Landeskunde nennt den Fund spektakulär: Bei einem Nachfahren des Hauptmanns Georg Ernst von Gilsa aus Gilsa (Schwalm-Eder-Kreis) hat er 140 Briefe von hessischen Offizieren entdeckt, die aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1776-1783) berichten.

Auf das 230 Jahre alte, von Mäusezähnchen angenagte Briefbündel stieß er in einer Ledermappe unter dem Titel “Briefe von meinen Freunden, besonders aus America", die er beim Sichten des Familienarchivs in Gilsa fand. "Privatbriefe aus dieser Zeit sind sehr sehr selten", sagt der Experte: „In diesem Umfang handelt sich um einen wirklich einmaligen Fund." Zudem schrieb Georg Ernst von Gilsa ein Tagebuch, in dem er über die aktuellen Ereignisse nachdachte.

Zwölf Kriegsteilnehmer, darunter ein Feldprediger, Kommandeure und Leutnants, schrieben die Briefe, die damals mit Schiffen und Postkutschen zwischen sechs Wochen und acht Monaten brauchten, um bei Hauptmann von Gilsa anzukommen. Adressiert waren sie lediglich an „Monsieur le Baron de Gilsa à Treysa en Hessen". Das kam auch ohne jede Postleitzahl an.

20.000 hessische Soldaten zogen damals an der Seite Englands als Söldner in den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Auch der Hauptmann wäre normalerweise über den Atlantik gesegelt, um die rebellischen Siedler in Amerika zu bekämpfen. Doch weil er im siebenjährigen Krieg seinen linken Arm verloren hatte, blieb er auf dem hessischen Landsitz zurück, wo er als Steuereintreiber von Treysa arbeitete.

Statt dessen erzählten ihm seine Freunde vom Alltag im Soldatenlager, dem Leid der Verletzten in den Lazaretten, von der Hochachtung für den Gegner und der Begeisterung für die neue Welt. Die Briefe spiegeln anders als offizielle Schreiben unzensierte, persönliche Ansichten wider, freut sich der Historiker.

So klagt ein Freund über die große Zahl von Selbstmorden: „Das verfluchte Halsabschneiden wird bald zur Mode unter unsern hochwohlgeborenen Officieren", schreibt er.

Auffallend ist die wachsende Wertschätzung gegenüber dem militärischen Gegner. So schwärmt ein Feldprediger von der amerikanischen Nation, "der die Vorsehung so herrliche Talente verliehen". In der Zukunft werde Amerika anderen Nationen nicht nur „gleich kommen, sondern vorrücken", prognostiziert er schon 1777.

"Diese jungen hessischen Offiziere erlebten in Nordamerika erstmals ein Laboratorium der neuen Ideen", erklärt der Marburger Geschichtsprofessor Christoph Kampmann. Der Fund sei hervorragend geeignet, um abstrakte Themen wie das Selbstverständnis von Adel, Nation und Demokratie in Forschung und Lehre plastisch zu veranschaulichen. In den kommenden zwei Jahren werden die Briefe mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Philipps- Universität ausgewertet und zu einem Buch zusammengefaßt. Eine englische Übersetzung soll folgen.

In den USA sind historische Quellen dieser Art nämlich sehr begehrt.

Frankfurter Rundschau –26.3.08 - mit freundlicher Erlaubnis der FR

20.000 hessische Söldner zogen 1776 an der Seite Englands in den Krieg - und wieviele davon freiwillig?