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Ärger um den Dichter Dietz SPD will neuen Namen für Schule / Bruch der Koalition mit CDU und FDP möglich
Von Mario Thurnes
Juden stinken und sind nur auf Geld aus - zumindest in der verdrehten Gedankenwelt von Rudolf Dietz. Der Nauroder Poet publizierte schon vor der „Machtergreifung" der Nazis 1933 antisemitische Gedichte. Noch 66 Jahre nach seinem Tod spaltet er die Stadt. Auch die Jamaika-Koalition wackelt - schon wieder.
Es geht um die Rudolf-Dietz-Schule in Naurod. Sie soll einen neuen Namen erhalten - wenn es nach einem Antrag geht, den die SPD ins Parlament einbringt. „Für eine Grundschule ist sein Name ungeeignet", sagt der stellvertretende Vorsitzende der Rathaus-SPD, Peter Schickel.
Im Jahr 2004 stimmten SPD und Grüne schon ein Mal für eine solche Änderung. Mit Hilfe der rechtsextremen Republikaner verhinderten CDU und FDP das damals. Wenn die SPD jetzt diesen „Vorführantrag" stellt, versuche sie einen Keil zwischen die Koalition von CDU, FDP und Grünen zu treiben, fürchtet Umweltdezernentin Rita Thies (Grüne). Obwohl Dietz als Namenspatron nicht tauge, wisse sie, wie beliebt er in Naurod sei.
Die Dezernentin bietet sich als Vermittlerin an. Eigentlich wollten sich die Vorstände der drei Jamaika-Parteien schon am Dienstag treffen und unter anderem über den Namen beraten. Offiziell aus Termingründen wurde das auf kommenden Freitag verschoben.
Gut möglich, daß die Chefs von CDU und FDP die Mitgliederversammlung der Grünen am heutigen Donnerstag abwarten wollten. Die Parteivorsitzende der Grünen, Christiane Hinninger sagt, inhaltlich sei die Sache völlig klar: Ein Mann wie Dietz könne nicht geehrt werden, das sei eine alte Position der Grünen. Ein Streit zwischen Basis und Rathaus-Fraktion ist also wahrscheinlich.
Die SPD schürt den Konflikt: Jamaika müsse sich dem Thema stellen, meint Schickel. „Hier müssen sich vor allem die Grünen entscheiden, ob sie zu ihren Überzeugungen stehen oder ob sie diese im Rahmen der Rettet-Jamaika-Aktivitäten auch noch über Bord werfen." Gegen die CDU und FDP wird es keine Mehrheit für den Antrag geben. Die Bürger Liste hat angekündigt, sich zu enthalten.
Und die Schule? Als die Rektorin Eva Jablonski 2004 die Rudolf-Dietz-Schule übernahm, hätten die betroffenen Eltern und Ortsbeiräte schon ihren Wunsch ausgedrückt, am Namen festhalten zu wollen.
Nazi-Zeit wird behandelt
Die Schule habe sich dem Problem gestellt und beschlossen das Thema Nationalsozialismus im Unterricht zu behandeln. Kollegen hätten befürchtet, daß Grundschüler dafür zu jung seien, berichtet Jablonski. Noch heute äußerten Eltern ähnliche Ängste. Manche berichteten von Kindern, die durch den Unterricht verstört worden seien.
Die Schule entwickele ihr Konzept noch fort, lerne aus den Erfahrungen. Wenn die Lehrer die Nazi-Problematik so wiedergäben, daß die Kinder ihren Alltag darin wiederfänden, könne das gehen. So sei das Thema, was dürfe der Stärkere gegenüber dem Schwächeren, an einer Schule relevant. Die Pädagogen arbeiteten so wenig theoretisch wie möglich.
Thies hält das Konzept für gut und für eine Hälfte der Lösung. Die andere sei eine Bürgerbefragung in Naurod. Die SPD meint, die würde die Entscheidung nur aufschieben. Ein Bürgerbescheid sei nicht bindend, am Ende entschieden doch die Abgeordneten. Nach Dietz ist auch eine Straße in Naurod benannt.
KOMMENTAR Die Schule einbeziehen Von Mario Thurnes
Rektorin Eva Jablonski beklagt sich: Die Politik rede über die Rudolf-Dietz-Schule, aber nicht mit deren Eltern und Lehrern. Und da hat sie vollkommen recht. Wenn wirklich der Namen geändert werden soll, dann geht das in allererster Linie die etwas an, die mit der Schule zu tun haben.
Der Verdacht liegt nahe, daß es weder um die Schule noch um den Namen und auch nicht um die verschrobenen Peinlich-Reime des Herrn Dietz geht. Hier wird das altbekannte Spiel gespielt: CDU und FDP wollen den grünen Partner auf Kurs halten. Die Rathaus-Fraktion ist willig zu folgen. Die Basis rebelliert, weil sie Grundsätze verraten sieht - genau wie bei Kohlekraftwerk, Kinderbetreuung und EBS-Zuschuß. Die SPD schürt als Oppositionspartei verständlicherweise den Zwist.
Die Folge: Das gute Konzept der Schule geht unter. Und Wiesbaden ehrt weiterhin einen Mann, der Juden am Gestank zu erkennen glaubte. Die Themen sollten aber im Mittelpunkt stehen.
Frankfurter Rundschau - 18.6.09 - mit freundlicher Erlaubnis der FR
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