Uni rehabilitiert NS-Opfer
Verfolgte Akademiker erhalten in Gießen Doktortitel zurück

Mindestens 51 Gießener Akademikern wurde vor 1945 die Doktorwürde aberkannt. Anlässlich der Vorlage eines Berichts zum Thema erklärte die Universität die Unrechts-Beschlüsse jetzt für nichtig.

Giessen - Die Gießener Justus-Liebig-Universität (JLU) rehabilitiert nach 60 Jahren ihre Opfer aus der Nazizeit. In einer erstmaligen öffentlichen Stellungnahme hat die JLU am Montag die Entziehung der Doktorgrade bei insgesamt 51 Akademikern für nichtig erklärt. Die Promovierten mussten damals auf diesen Titel aus religiösen, rassistischen oder politischen Gründen verzichten. Damit sei die Gießener Universität eine der wenigen in Deutschland, welche sich offensiv mit diesem dunklen Fleck in ihrer Vergangenheit befasse, sagte Unipräsident Stefan Hormuth am Montag.

Bereits 1967 habe die JLU als eine der ersten deutschen Universitäten die Entziehung von akademischen Doktorgraden in der Zeit von Januar 1933 bis Kriegsende 1945 „für null und nichtig erklärt", sagte Kanzler Michael Breitbach. Allerdings gelangte dieser Beschluss nie an die Öffentlichkeit. Auch informierte die Uni keinen der Betroffenen. Durch Zufall war der Universitätskanzler wieder auf das Thema gestoßen. Auf seine Initiative hin nahm Anfang 2005 eine neunköpfige Kommission die Recherche auf, deren Ergebnisse sie gestern präsentierte. Zwar ist die Aktenlage lückenhaft, doch sind insgesamt 51 Verfahren zur Entziehung des Doktorgrades nachweisbar. Betroffen waren nicht nur Juden, sondern vor allem auch Akademiker, die aus politischen oder rassistischen Gründen ins Exil gehen mussten.

Den Anstoß für diese Ächtung hatte im Jahr 1933 ein Repräsentant der „Deutschen Studentenschaft" gegeben, so Kanzler Breitbach. Er hatte gefordert, promovierten „Landesverrätern", die ins Exil gehen mussten, ihren Doktortitel zu entziehen.

Zu den Überlebenden und ihren Familien hat die Gießener Universität bisher kaum Kontakt aufgenommen. „Diese Chance haben wir verpasst", sagte die Leiterin des Universitätsarchivs Eva-Marie Felschow selbstkritisch. Allerdings wolle man versuchen, zu einer Familie in den USA Kontakt aufzunehmen. Auch gebe es Verbindungen zu einem Hinterbliebenen in Offenbach.  MMO

 

Frankfurter Rundschau - 14.2.06 - mit freundlicher Erlaubnis der FR

Herrlich - kaum sind 60 Jahre vergangen, werden Nazi-Opfer “rehabilitiert”. Deutsche demokratische Gerechtigkeit - immer wieder die gleichen Feststellungen.

Passend, daß die Aufklärung von 1967 nicht bekannt gemacht wurde: vermutlich wollten man den Tätern nicht weh tun...

Bleibt doch nur noch die Frage nach dem Namen des “Repräsentanten der Deutschen Studentenschaft” von 1933, der eine bis 2006 währende Maßnahme erreichen konnte.

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