Frankfurt liest ein Buch - Nachbarn werden zu einer lesenden und bewirtenden Einheit, Schauspieler lassen sich beeindrucken

Ein Buch, das Wunder schafft
Die Anwohner der Valentin-Senger-Straße engagieren sich bei „Frankfurt liest ein Buch"

Von Anita Strecker

Lea ist schon mitten in der Debatte über Wunder, Widerstand und wie das war, in Frankfurt, unterm Naziterror. Während die Frankfurter sich erst anschicken, in kollektivem Leserausch Valentin Sengers „Kaiserhofstraße 12" zu verschlingen, steckt die 13-Jährige voll in der Auseinandersetzung, wie das überhaupt gehen konnte, daß der junge Senger mitsamt seiner jüdischen Familie im Naziterror und Judenverfolgung überleben konnte. „Man kann sich schwer vorstellen, daß das alles in Frankfurt spielt", sagt Lea. Da kommt die Hauptwache vor, die Konstablerwache Jetzt steht man davor und alles ist heil".

Das Buch hat sie gepackt, sagt sie, genauso wie ihre Kameraden der Konfirmandengruppe von Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers. Die hatte vorgeschlagen, das Buch um Widerstand, Wunder und Glück für den Vorstellungsgottesdienst der neuen Konfirmanden am 25. April in der Alten Nikolaikirche aufzugreifen.

Das Ende, als ein Arzt Senger für krank erklärt, damit er nicht in den Krieg ziehen muß, hat sie besonders berührt. Eines von vielen Wundern, die Senger widerfahren. Und alle lassen für Lea nur einen Schluß zu: „Wunder passieren durch die Menschen selbst, wie sie handeln."

Das hat auch Christian aus ihrer Konfirmandengruppe beeindruckt. „Man fragt sich ja schon, wie man selbst in so einer Situation handeln würde." Daß so viele den Mut hatten, die jüdische Familie nicht zu verraten, hat für den 15-Jährigen Vorbildcharakter. „Mut spielt eine ganz wichtige Rolle in dem Buch." Das sollten möglichst viele lesen, die Aktion „Frankfurt liest ein Buch" finden er und Lea deshalb auch toll. „Damit man erfährt wie es wirklich war, und daß es eben nicht nur Nazis, sondern auch Menschen gab, die geholfen haben." Und überhaupt, sagt Lea, wann trifft man schon mal jemand, der gerade das gleiche Buch liest wie man selbst und diskutiert darüber.

Zig Begegnungen und Debatten hat das Sengersche Lesefest auch Winfried Huthmacher beschert. Vorigen November sind er und seine Frau in die Valentin-Senger-Straße in New Atterbury gezogen. „Ich hatte mir schon immer gedacht, daß man den Leuten mal sagen sollte, welch beeindruckender Mensch der Namensgeber ihrer Straße ist."

Huthmacher kennt „Kaiserhofstraße 12" seit es erschienen ist - und es hat einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen. Nicht nur weil es in Frankfurt spielt und Zeitgeschichte nicht rückblickend im Besserwisserstil beurteilt, „Senger beschreibt alles aus der Situation heraus". Kein Lehr-, sondern Erlebnisbuch. Und, was Huthmacher besonders gefällt: Senger stilisiert sich nie als Held.

Michael Quast ist vom Engagement der Menschen dort begeistert

Einmal ist er ihm begegnet, dem bescheidenen, freundlichen Mann, wie auch vielen weiteren beeindruckenden Menschen, die aktiven Widerstand geleistet haben, sagt er. „Jetzt sind fast alle tot. Jüngere haben gar keine Chance mehr, Zeitzeugen zu treffen und über sie Geschichte hautnah zu erfahren." Die erste Notiz in der Frankfurter Rundschau über „Frankfurt liest ein Buch" kam für Huthmacher wie bestellt. Er hat sich umgehört, dabei das Nachbarschaftszentrum entdeckt, in dem gleichfalls eine Lesung geplant ist, hat Nachbarn angesprochen, ob man nicht selbst was auf die Beine stellen könnte und schließlich beim Veranstaltungsmanager Lothar Ruske angerufen, der die Aktionen in der Stadt koordiniert. Ruske hat die Valentin-Senger-Straße-Bewohner wiederum mit Michael Quast und seiner fliegenden Volksbühne zusammengebracht, der sich gleichfalls - begeistert von der Idee - gemeldet hatte. Mit drei Schauspielerkollegen wird er durch die Valentin-Senger-Straße ziehen, in Gärten, auf Terrassen Senger lesen, während die Anwohner Schauspieler und Gäste bewirten. Noch ist alles im Fluß. „Es ist total spannend wie die Menschen ins Gespräch kommen, Dinge zusammen entwickeln und eine richtige Nachbarschaftsaktion daraus machen", sagt Quast. Und ins Gespräch kommen auch über das Buch, das mit seiner unglaublichen Geschichte von Überleben und Zivilcourage ein weiteres Bild von Frankfurt zeichne, neue Identifikation schaffe.

Für Winfried Huthmann ist in der Hinsicht schon viel passiert, obwohl die Vorbereitungen erst anlaufen. Er hat entdeckt, wie viele offene und engagierte Leute in seiner Straße wohnen. Etwa 350 Flugblätter haben sie in die Briefkästen von Valentin-Senger- und der Bonhoeffer-Straße gesteckt, um für Hilfe, Ideen oder um Sponsoren zu werben. Ein Anwohner hat eine Homepage für die Straße entworfen, Buttons sind in Produktion, die das Freiluft-Lesefest finanzieren sollen.

Senger verbindet. Das soll er auch wildfremde Menschen schaffen, hofft Pfarrer Jeffrey Myers. In der Alten Nikolaikirche legt er Bücher aus, die Touristen oder Angestellte in der Mittagspause ausleihen und auf dem Römerberg lesen können. Täglich Schlag 12 Uhr lesen außerdem Freunde der Nikolaikirche daraus vor. Myers ist selbst gerade mittendrin und fasziniert von der Geschichte - und den Wundern, die sie schafft. Bis heute.

Frankfurter Rundschau - 17.4.10 - mit freundlicher Erlaubnis der FR