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Zwischen Aktendeckeln schlummern wahre Schätze Von Barbara Helfrich 160 Meter Akten, 180 Filme und etwa 10400 Fotos: das sind einige der Bestände des Hofheimer Stadtmuseums, die im Keller des Kulturamts in der Elisabethen-Straße lagern. Zwischen Uraltem, Altem und Neuerem ist so mancher Schatz, so manches Kuriosum verborgen. HOFHEIM. Was es mit dem Audi-Lenkrad auf sich hat, das zwischen Akten ganz hinten im Regal liegt? Roswitha Schlecker ist unsicher: „Ich glaube, das hat Bürgermeister Felix mal geschenkt bekommen." Aber an dem Autoteil fehlt ein Zettel, der mehr über dessen Herkunft verrat. .Außerdem lagern wir eigentlich keine Dinge", betont die Stadtarchivarin. Aber nicht nur das eine oder andere Gastgeschenk hat sich diesem Grundsatz zum Trotz in den Keller des Kulturamts verirrt, auch ein altes Straßenschild aus der Hauptstraße und einer der knallgelben Schirme, mit denen der Verein Industrie-Handel-Handwerk (IHH) für verlängerte Ladenöffnungszeiten geworben hat. Die wahren Schätze des Archivs springen nicht ins Auge, sondern bleiben oft sehr lange verborgen: Ein Weistum aus dem 15. Jahrhundert etwa, das die Rechte und Pflichten der Hofheimer festlegt. Heimatforscher Hans Ulrich Colmar hat es erst vor wenigen Monaten auf losen Blättern entdeckt. Sie waren aus einem Gerichtsbuch herausgerissen worden, vermutlich weil sie zur alltäglichen Urteilsfindung gebraucht wurden und der dicke Wälzer den Richtern zu unhandlich war. Vor zehn Jahren hat Colmar begonnen, die Gerichtsbücher zu lesen und in eine moderne Sprache zu übersetzen, sagt Schlecker. Um die ersten Seiten des ältesten Bandes zu entziffern, der im Jahre 1425 beginnt, habe der hauptamtliche Schulleiter am Rosenberg noch Monate gebraucht. Doch mit der Übung sei das Tempo gekommen: „Mittlerweile liest er das einfach runter", lobt Roswitha Schlecker, die selbst an der schnörkeligen gotischen Schrift scheitert. In unscheinbaren grauen Kasten liegen ungezählte Akten in fahrbaren Regalen gestapelt, die Interessantes über die Hofheimer Geschichte verbergen. „Diedenbergen, Entnazifizierung, Entschädigung Juden" steht auf dem Karton, den Roswitha Schlecker öffnet. Darin lose Blätter, mit den Jahren vergilbt, die Schrift verblasst. Die Archivarin löst eine Büroklammer von den obersten Papieren. Denn Metall sei Gift für die historischen Dokumente: „Der Rost frißt sich ins Papier." Krankenscheine für DDR-Besucher aus den Jahren 1967 bis 1982 lagern in einem anderen Karton, ein paar Schritte weiter kann man die Ergebnisse einer Viehzählung in Lorsbach nachlesen. Doch die Akten aus den Stadtteilen sind nicht vollständig erhalten, klagt Schlecker, die vor sechzehn Jahren die Leitung des Stadtarchivs übernahm, das zuvor nur von Ehrenamtlichen sortiert worden war: „Bei der Eingemeindung kam vieles aus den Außenstellen in den Müllsack." Daß noch in den 70er Jahren so „leichtsinnig" mit historischem Material umgegangen wurde, bedauert die Archivarin, die selbst ständig entscheiden muß, wieviel und was aufgehoben wird. Bei den städtischen Sozialakten wollte sie erst von jedem Buchstaben einen exemplarischen Ordner archivieren, „aber das ist auch noch zuviel", sagt sie mit Blick auf zwei dicke Stapel in der Zwischenablage. Zum Blättern reizt das Fotoarchiv, das in langen Hängeregistern direkt an der Tür untergebracht ist: Ein Schwein, daß aus einem Hoftor schaut, Luftaufnahmen, Fotos von Geschäften in der Innenstadt, die es schon lange nicht mehr gibt. Das älteste Bild zeigt Hofheim im Jahre 1872: Ein kleiner Ort, der noch weit davon entfernt ist, sich auf die Hügel in seinem Rücken auszudehnen. Einen Stock höher, auf dem Gang vor Roswitha Schleckers Büro, hängt eine Auswahl von Bahnhofsbildern: Der Bau der Bahnbrücke auf der Rheingaustraße in den 70er Jahren, die Abschiedsfahrt der Dampflok B 41 vor drei Jahrzehnten, Bahnbedienstete, die in den 40ern vor der Schalterhalle fürs Gruppenbild posierten. Die Fotos sind Blickfang für Besucher, doch viele Hofheimer kommen nicht ins Archiv, wenn sie Historisches wissen möchten, sondern rufen an. In ihrem Computer hat die Stadtarchivarin von A bis Z einige der Stichworte gespeichert, nach denen sie öfters gefragt wird. Daten über die Geschichte der Grünen kann sie darin ebenso nachschlagen, wie Wissenswertes über den Jazzclub, das Rote Kreuz oder die Buslinie nach Wildsachsen. Unterm Schlagwort „Hitler" ist zu er fahren, daß er 1933 zum Ehrenbürger ernannt wurde. 1946 erkannte ihm das Stadtparlament den Status wieder ab; die Hitler-Linde Ecke Wilhelmstraße/Lorsbacher Straße wurde gefällt. Roswitha Schlecker |