Über den Waldweg nach Brasilien
Die jüdische Familie Paderstein mußte 1938 ihre Villa verlassen / Helga Flatauer erzählt

Von Annette Friauf

Fachwerk und ein Hauch Ferner Osten: Schwungvoll wie ein Pagodendach begrüßt die Villa Paderstein Spaziergänger, die zwischen Vockenhausen und Bremthal die Bundesstraße 455 verlassen und ein paar Serpentinen bis zu den Ställen von Hof Häusel nehmen. Der Duft von Pferdeäpfeln begleitet den Weg, zugleich ist die rote, extravagante Silhouette flankiert von Bäumen zu sehen.

Villa Paderstein

Verwunschen liegt die Villa Paderstein im Grünen.

Der jüdische Gestütsbesitzer Wilhelm Paderstein ließ sich das Wohnhaus in den 1920er Jahren von dem Frankfurter Architekten Fritz Voggenberger gestalten. "Es war sicherlich sehr modern für damalige Zeiten", beschreibt Helga Flatauer ihr Elternhaus. Sie war ein kleines Mädchen, als das neue, geräumige Haus bezogen wurde. Niemand ahnte, daß die jüdische Familie 1938 ihr Anwesen weit unter Wert verkaufen und nach Brasilien auswandern mußte - um ihr Leben zu retten. Knapp 60 Jahre später kehrte Helga Flatauer aus Sehnsucht nach dem "Rauschen der Tannenwälder" in den Taunus zurück. Sie lebt heute in Kronberg. „Hof Häusel wird ewig Teil meines Lebens sein", versichert sie. Aus Anlaß des Jubiläums 775 Jahre Hof Häusel erzählt die Zeitzeugin aus ihren zu Papier gebrachten Erinnerungen.

Brauerei und Bank gegründet

Der Familienstammbaum hatte seine Wurzeln in Paderborn. Großvater Emil Paderstein, ein wohlhabender Mann, gründete die Dortmunder Union Brauerei und eine Bank. Wilhelm war das jüngste von fünf Kindern und fühlte sich dem Leben auf dem Land hingezogen. Als Soldat im Ersten Weltkrieg muß er wohl in den Taunus gekommen sein.

1919 heiratete Wilhelm Paderstein Grete Gerson, "ein vergnügtes Mädchen aus Berlin". Dann kam „Helgali" zur Welt, fünf Jahre später wurde ihre Schwester geboren. Die Kinder wuchsen zwischen gackernden Hühnern und Rad schlagenden Pfauen auf. Helga Flatauer schwärmt von Schlittenfahrten und einem riesigen Geschenketisch an Weihnachten. „Das Leben war schön und wir ahnten nichts von unserem Schicksal." Die begeisterte Reitschülerin empfand es als großes Glück, als sie mit einem Kranz aus lila und gelben Astern im Haar auf einem prächtigen Schimmel einen Korso in Wiesbaden anführen durfte.

Helga Flatauer geb. Paderstein

Helga Flatauer (87), geborene Paderstein, ist auf Hof Häusel aufgewachsen.
Bild: ILONA SURREY

In den Fenstern hingen Hakenkreuzfahnen. Und bald brachte Onkel Heini die Nachricht über die Rassengesetze mit. Die Familie hielt mit Freunden und Verwandten Rat. "Auswandern? Aber wohin?" Am 8. September 1938, Mutters Geburtstag, erhielt die "katholische" Familie Paderstein ein Visum für Brasilien. Ein letztes Mal drehte sie den Schlüssel zur Haustür ihrer Villa herum. Über Holland und Frankreich emigrierte das Ehepaar mit den beiden Kindern nach Südamerika. "Ein herrlich weißer Strand" begleitete die Ankömmlinge, bis das Schiff in Rio de Janeiro anlegte. "Staunend sahen wir das Gewirr von Menschen in allen Farben." Müde schliefen die Padersteins in einer billigen Pension an der Copacabana ein. Der Vater stieg im Landesinneren in die Pferdezucht ein und betrieb später, nachdem Brasilien Deutschland den Krieg erklärt hatte, ein kleines Markengeschäft. Zuletzt lebte die Familie in Sao Paulo. Helga Flatauers Eltern und Schwester liegen in Brasilien begraben.

Frankfurter Rundschau –1.4.08 - mit freundlicher Erlaubnis der FR