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Das „Höchster Kreisblatt" als Heimatzeitung im Main-Taunus-Kreis GERHARD RAISS
Die Entstehung und Entwicklung der Zeitung in den ersten Jahren seit 1849
Die Einführung der Pressefreiheit gehörte zu den maßgeblichen Errungenschaften der Freiheitsbewegung von 1848. Im Herzogtum Nassau, zu dem unser Gebiet damals politisch gehörte, gab es bereits vorher einschlägige periodisch erscheinende Zeitungen und Blätter, so zum Beispiel das „Herzoglich Nassauische Allgemeine Intelligenz-Blatt", das seit 1808 herausgegeben wurde, oder seit 1809 das „Verordnungsblatt des Herzogtums Nassau". Allerdings veröffentlichten diese Blätter ausschließlich amtliche Bekanntmachungen und Verordnungen und enthielten keinerlei redaktionelle Nachrichten oder private Anzeigen.
Der „Taunusbote", der seit 1841 in Usingen erschien, war bis in den Bereich des heutigen Main-Taunus-Kreises weit verbreitet, und erfüllte ab 1843 als „Amtsblatt für die Ämter Usingen, Idstein, Königstein und Höchst" die Aufgabe, öffentliche Bekanntmachungen zu publizieren. Allerdings stellte er 1849 sein Erscheinen ein. Der Grund dürfte in der Verwaltungsreform innerhalb des Herzogtums Nassau zu suchen sein, die ab dem 1. Juni 1849 in Kraft trat. Im neu gebildeten Verwaltungsbezirk IX, der 62 Gemeinden mit etwa 18.000 Einwohnern umfaßte und seinen Amtssitz in Höchst hatte, wurden zum Beispiel die Ämter Höchst, Hochheim und Königstein zusammengefaßt.
Das war die Geburtstunde des „Höchster Kreisblattes", das nunmehr zu den ältesten Zeitungen Deutschlands zählt, die vom Beginn ihres Erscheinens an bis zum heutigen Tage bestehen.
Bereits am 17. September des Jahres 1849 brachte der junge, damals 24-jährige Buchdrucker Anton Alexander Wagner in Höchst am Main eine Probenummer und am 1. Oktober 1849 die erste reguläre Ausgabe seiner neu gegründeten Zeitung heraus. Vom Kreisamt hatte er dazu eine offizielle Konzession erhalten. Er hatte vorher als Drucker bei der „Schellenberg'schen Hofdruckerei" in Wiesbaden gearbeitet, kannte also das Metier. Sein Blatt nennt er „Kreis-Amts-Blatt für die Justizämter Höchst, Hochheim und Königstein". Der Inhalt der Zeitung bestand überwiegend aus amtlichen Bekanntmachungen und Mitteilungen, hatte aber damals schon einen kleinen redaktionellen Teil. Der Umfang betrug vier Seiten, etwa im DIN A 4-Format, und das Blättchen wurde einmal wöchentlich, montags, zum Preis von 30 Kreuzer pro Quartal herausgegeben.
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Quittung der Gemeinde Eschborn über 2 Gulden für den Bezug eines Jahres-Abonnements des „Kreis-Amts-Blattes" für das Jahr 1850 mit den Unterschriften des Eschborner Burgermeisters Kunz und des Zeitungsverlegers A. A. Wagner, der das Geld empfangen hat. (Original im Stadtarchiv Eschborn, Belege zur Jahresrechnung 1850)
Bereits in der ersten Ausgabe gab der zuständige Kreisamtmann Heinrich Frhr. von Wintzingerode, der spätere Präsident der nassauischen Landesregierung, auf der Titelseite des Blattes den Bürgermeistern und Bürgern des Kreisamtsbezirkes Höchst bekannt, daß er „das von dem Buchdrucker Wagner zu Höchst gegründete Kreisamtsblatt zur ständigen Veröffentlichung aller auf allgemeine Angelegenheiten des Kreises sich beziehende Anordnungen, sowie sonstiger Verfügungen von allgemeinem Interesse gewählt habe".
Er hielt die Bürgermeister seines Amtsbezirkes an, das Blatt zu abonnieren, da der Preis gering sei, und es sich auch zur Veröffentlichung von Holz- und Bauversteigerungen von Seiten der Bürgermeister eigne. Er endet mit dem Hinweis, daß er einer baldigen berichtlichen Anzeige der Herren Bürgermeister entgegensehe, ob in ihrer Gemeinde das Blatt gehalten wird.
Der Herausgeber Anton Alexander Wagner war sein eigener Setzer, Drucker, Verleger und Redakteur. Alles geschah in angemieteten Räumen im Bolongaropalast, in denen er auch mit seiner Familie wohnte. Seine Informationen, die er, über den amtlichen Teil hinausgehend, im redaktionellen Teil mit lokalem und regionalem Bezug veröffentlichte, verschaffte er sich bei seinen allabendlichen Besuchen in den Höchster Kneipen.
Seit 1854 hatte der Umfang der Bekanntmachungen und Meldungen so zugenommen, daß das Blatt bereits zweimal pro Woche erscheinen konnte. Auch kritische Anmerkungen gelangten in das Blättchen, so 1851, als Wagner sich in einem Bericht über das aggressive Betteln fahrender Musikanten anläßlich der Höchster Kirchweih ausläßt. Ein Beitrag über die Einführung der Strohflechterei als Beschäftigung für die Armen im Herzogtum Nassau bringt die Redaktion zum Beispiel im November 1852. Ebenfalls ab 1852 wird regelmäßig der Fortsetzungsroman „Geburtstage im Forsthause" veröffentlicht.
Ab dem l. März 1864 erschien in Wiesbaden die „Nassauische Landeszeitung", die von da an alle amtlichen Bekanntmachungen der nassauischen Ministerien, Behörden und Dienststellen veröffentlichte. Die Zeit war gekommen, so glaubte der Kreisamtmann in Höchst, daß Wagners Amtsblatt keine Berechtigung mehr habe, und er verbot die Zeitung. Erst nach einer Intervention des Verlegers bei der Nassauischen Landesregierung in Wiesbaden wurde das Verbot aufgehoben, und die Zeitung konnte weiter gedruckt und verteilt werden. Da sie nun nicht mehr das offizielle Amtsblatt war, mußte der Name der Zeitung geändert werden, in „Wochenblatt für die Amtsbezirke Höchst, Hochheim und Königstein".
Die preußische Zeit ab 1866
Die „Nassauische Landeszeitung", deren Gründung das alles verursacht hatte, stellte bereits 1866, nach der Annektierung Nassaus durch das Königreich Preußen, ihr Erscheinen ein, eine gute Gelegenheit Wagners, in seiner Zeitung wieder die amtlichen Bekanntmachungen zu veröffentlichen, im August 1866 beginnt er damit. Bei der ersten offiziellen Meldung handelte sich um die Zusicherung des Oberbefehlshabers der Main-Armee, General Edwin Frhr. von Manteuffel, daß sich die preußische Okkupation nicht gegen die Bevölkerung, eher gegen die Nassauische Regierung richten würde. Wagner paßte sich mit seiner Zeitung den neuen politischen Gegebenheiten der preußischen Oberherrschaft an. Am 16. März 1867 gab er eine Extrabeilage aus Anlaß der Geburtstagsfeier von König Wilhelm I. heraus.
Leider währte die neue Dauer als „Amtsblatt" nicht sehr lange, denn bereits im Februar 1867 wurden die Ämter Höchst und Hochheim in den neu gebildeten Landkreis Wiesbaden mit der Bezeichnung „Mainkreis" und das frühere Amt Königstein in den neuen Obertaunuskreis umgegliedert. Mit dem „Kreisblatt für den Landkreis Wiesbaden) erhielt der neue Kreis ein eigenes Amtsblatt, für Wagner blieb wieder nur, sein Blatt als einfaches „Wochenblatt" ohne amtliche Nachrichten zu drucken. Das neue Wiesbadener Kreisblatt hatte zwar ein Einzugsgebiet von 50 Orten mit rund 60.000 Einwohnern, allerdings offenbar Probleme mit der Gewinnung von Abonnenten, denn 1872 zum Beispiel zählten nur 67 Abonnenten im Mainkreis zu den ständigen Beziehern des Blattes.
Kopf der Titelseite der Ausgabe No. 8 des „Kreis-Amts-Blattes für die Justizämter Höchst, Hochheim und Königstein" vom 5. November 1849 (Original in der Universitätsbibliothek Frankfurt/Main)
Im Kaiserreich seit 1871
Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 bewies Wagner sein Talent als echter Zeitungsmann. Seine Söhne holten die Siegesmeldungen direkt vom Postamt ab und brachten die Depeschen im Laufschritt zur Druckerei, wo der Vater sie sofort in einem „Extrablatt" umsetzte und an seine Leser weitergab. Nach dem Sieg gab es für dieses großartige „vaterländische Engagement" Wagners vom preußischen Staat 750 Gulden als besondere Zuwendung, die zur Anschaffung einer ersten Schnellpresse in der Druckerei verwendet wurden. Vorher waren die rund 300 Exemplare seiner Zeitung, so hoch war damals die Auflage, noch mit der Handpresse einzeln gedruckt worden. Die durch die neue Schnellpresse gewonnene Zeit konnte Wagner in die redaktionelle Arbeit einfließen lassen. Mehr und mehr wurde der Umfang der lokalen Berichterstattung erweitert, unter anderem um die regelmäßigen Berichte aus den Sitzungen des Polizeigerichts, bei denen ohne große Rücksicht der volle Name der Delinquenten, ihre Herkunft, die Straftat und die daraufhin ausgesprochene Strafe genannt wurde. Seit Januar 1884 wurde auch die Tagesordnung des Höchster Gemeinderates im Kreisblatt veröffentlicht; ein Jahr später wurden die Bekanntmachungen des Genossenschaftsregisters des Königlichen Amtsgerichts Höchst ebenfalls dort publiziert.
Am 22. September 1885 starb der Gründer der Zeitung, Anton Alexander Wagner. Seine beiden Söhne Jakob und Heinrich übernahmen nun das Geschäft und führten es gemeinsam weiter.
Mit der Schaffung eines eigenen selbstständigen Kreises Höchst ab dem 1. April 1886, der mit 21 Gemeinden aus dem Mainkreis ausgegliedert wurde, änderte Wagner wieder den Titel seiner Zeitung. „Kreis-Blatt für den Kreis Höchst a. M." lautet er vom Mai 1886 an, und er kann endlich wieder die amtlichen Bekanntmachungen veröffentlichen. Vom ersten Landrat des eigenständigen neuen Kreises Höchst, Dr. August von Trott zu Solz, dem späteren preußischen Kultusminister, wird das „Höchster Kreisblatt" durch behördliche Anordnung zum amtlichen Organ erhoben.
Mit den Städten Höchst und Hofheim sowie 19 Landgemeinden hatte der Kreis 30.022 Einwohner. Für sie alle war das Kreisblatt nun das amtliche Mitteilungsblatt. Außerdem gewann das Blatt in dieser Zeit Anzeigenkunden bis aus Berlin, die sich hier damit einen Werbeerfolg versprachen, nicht zu vergessen die zahlreichen Annoncen aus Frankfurt, natürlich aus Höchst selbst und dem Kreisgebiet. Ein „Geschäftlicher Wegweiser für Frankfurt am Main" wurde ab 1893 in die Zeitung aufgenommen. Regelmäßige Beilagen waren das „Illustrierte Sonntagsblatt" und die „Gemeinnützigen Blätter" mit Hinweisen und Tipps für Haushalt und Landwirtschaft. Auch Fragen der Kranken- und Unfallversicherung wurden ausgiebig und regelmäßig behandelt, ebenso zur allgemeinen Beratung und Volksbildung.
Gewerbliche Inserate und Privatanzeigen, zum Beispiel die Suche nach Schlafstellen für Arbeiter, nahmen zu, aber auch Steckbriefe oder die Ankündigung, daß der Landrat in Urlaub sei, werden gemeldet, ebenso Todesanzeigen oder Neujahrsgrüße, und ab 1891 auch ein täglicher Wetterbericht für den Taunus, sowie die Beilage der „Nassauische Landwirth", die die „Gemeinnützigen Blätter" ab 1892 ablöste. Ab März 1893 wurde obsiegenden Klägern bei Beleidigungsprozessen zugestanden, das Urteil im „Höchster Kreisblatt" zu veröffentlichen. Davon wurde bald rege Gebrauch gemacht. Gelegentlich konnten Familien ein ganzes Extrablatt kaufen, um so zum Beispiel im Juli 1893 in der aus nur einem einzigen Blatt bestehenden Extra-Ausgabe die Todesanzeige des Kreistagsmitgliedes Philipp Wilhelm Schlocker aus Hattersheim zu veröffentlichen.
Eine Vergrößerung des Formates der Zeitung auf die doppelte Große sowie eine Änderung des Titels in „Kreis-Blatt für den Kreis Höchst sowie für die Stadt Höchst am Main" traten ab dem l. Januar 1895 ein. Schließlich ist ab dem l. Oktober 1895 das dreimalige Erscheinen in der Woche ein deutliches Zeichen für den Aufschwung und den Erfolg des Blattes.
Inhaltlich wurde ab September 1897 ein sog „Kleines Feuilleton" hinzugefügt, dieser Titel wurde alsbald in „Vermischtes" geändert. Im Januar des Jahre 1898 wurde den Lesern erstmals eine „photographische Abbildung" zum Thema „Unsere Flotte - Prinz Heinrich auf dem Meere" geboten Sie mußte in Berlin gedruckt werden, denn in Höchst hatte man dazu noch nicht die notwendige Ausstattung.
Ab 1900 konnte die Redaktion auf die Telegramme des Depeschen-Bureaus Herold zurückgreifen und dadurch den Lesern noch aktuellere Meldungen zukommen lassen. Im Oktober des gleichen Jahres erhielt die Redaktion einen eigenen Telefonanschluß und war fortan unter der Telefonnummer 19 zu erreichen. Im März 1902 konnte man das Blatt, außer in der Redaktion, auch noch an acht anderen Stellen in Höchst als Abonnent kaufen. Ab Oktober 1904 erscheint das Kreisblatt sogar sechsmal in der Woche, an jedem Werktag. Dies ist nur möglich, weil inzwischen eine Rotations- und eine Setzmaschine (Typ Linotype) angeschafft wurden. Der Bezugspreis der Zeitung betrug 1905 1,50 Mark im Vierteljahr, was damals nicht allzu hoch war. 1912 stand ein Umzug von Druckerei und Redaktion in die Bolongarostraße 150 an. Dort sollten sie bis 1987 bleiben, als Hofheim offiziell Kreisstadt und damit auch Sitz der Redaktion wurde.
Der Erste Weltkrieg 1914-1918
Während des Ersten Weltkrieges informierte das Blatt seine Leser täglich über die Lage auf dem Kriegsschauplatz, sehr oft in Extrablättern. Die Zahl der täglich verkauften Exemplare betrug 1914 etwa 8.000 Stück, um bei Kriegsende bis auf 12.000 Exemplare zu steigen. Der Alltag des Krieges schlug sich nicht nur in Siegesmeldungen und der Veröffentlichung versenkter feindlicher Schiffstonnage nieder, bald erschienen auf der ersten Seite die Listen der Gefallenen aus der Heimat, gemeldet unter einem Eisernen Kreuz.
Die ersten Hinweise zum Sparen und Rationieren von Nahrungsmitteln, Brennstoffen und Viehfutter zeigen die Wende des Krieges an. Überall muß gespart werden, dennoch wird die Herstellung der Zeitung laufend teurer. Die Preise für Druckfarben und Papier steigen stetig, bis um 100 % Erste Hinweise auf die dringend notwendige regelmäßige Bezahlung des Zeitungsabonnements werden veröffentlicht, ebenso wird darauf hingewiesen, daß, wegen der Papierknappheit, nicht alle Anzeigen unverzüglich veröffentlicht werden können. Später geht man sogar dazu über, auf „Kriegspapier" zu drucken und den Umfang der Zeitung zu verringern Aber ein Service wird weiterhin aufrechterhalten: die Lieferung des „Höchster Kreisblattes" in die Schützengräben, an die Front. Die Angehörigen zuhause müssen dafür allerdings bezahlen. Im Juli 1917 ist die Stadt Höchst erstmals gezwungen, Notgeld herauszugeben Das Kreisblatt veröffentlicht die entsprechenden Meldungen.
Der Titel der Zeitung lautet in dieser Zeit „Kreis-Blatt, Kreiszeitung und Kreisanzeiger für den Kreis Höchst a. M., Amtsblatt für die Verkündigung des Königlichen Landratsamtes des Kreises Höchst a. M. und der Gemeindebehörden des Kreises, Bekanntmachungsblatt des Königlichen Amtsgerichts, der Militär-, Forst- und anderer Staats- und Kommunalbehörden, Höchster Tagblatt, Höchster Anzeiger", wahrlich ein imponierender Titel.
Kopf der Titelseite der Ausgabe Nr. 265 des Kreis-Blattes für den Kreis und die Stadt Höchst a. M. Amtsblatt für die Verkündigung des Arbeiter- u. Soldatenrates sowie der Staats- u. Kommunalbehörden des Kreises Höchst vom 13. November 1918 (Kopie vom Mikrofilm des Höchster Kreisblattes, Jahrgang 1918, im Stadtarchiv Eschborn, Original in der Hess. Landesbibliothek Wiesbaden)
Französische Besatzung und Weimarer Zeit 1918-1930
Am 11. November 1918 zeigt sich, daß der Krieg verloren ist. Der Arbeiter- und Soldatenrat in Höchst veröffentlicht seine erste Bekanntmachung. Das Kreisblatt ändert wieder einmal seinen Titel „Kreis-Blatt für den Kreis und die Stadt Höchst a. M., Amtsblatt für die Verkündigungen des Arbeiter- und Soldatenrates, sowie der Staats- und Kommunalbehörden des Kreises Höchst" lautet nun der Titel der Zeitung. Sehr bald wird aus dem „Arbeiter- und Soldatenrat", infolge der Demobilisierung, ein „Arbeiter- und Bauernrat", was sich ebenfalls unverzüglich im Titel der Zeitung niederschlagt.
Am 14. Dezember 1918 wird der Main-Taunus-Kreis und damit auch Höchst in Ausführung des Versailler Vertrages und der darin festgeschriebenen 30 Kilometer- Zone („Brückenkopf") um Mainz von französischen Besatzungstruppen besetzt. Die Zeitung unterstand von da an der Zensur der französischen Besatzungsmacht. Erstmals in der Ausgabe vom Heiligabend 1918 zeigten sich weißen Stellen in der ausgelieferten Zeitung. Der Zensor hatte die hier von der Redaktion vorgesehenen Artikel nicht zugelassen. Er griff auch aktiv in die zu druckenden Beiträge ein und setzte zum Beispiel durch, daß bestimmte Artikel den Erfolg der Franzosen im Krieg herausstellten. Die Redaktion mußte notgedrungen gehorchen. Zur Erleichterung der Situation für die Bevölkerung brachte das Blatt eine Sprachecke mit deutsch-französischen Redewendungen und Vokabeln für den Alltagsgebrauch. Bei einem Verstoß gegen die rigiden Verbote und Anweisungen der Franzosen drohten empfindliche Repressalien. Dazu kamen Papierknappheit.
Am l. Oktober 1921 war auch wieder einmal eine Namensänderung fällig, diesmal endgültig in „Höchster Kreisblatt", denn der Kreis hatte einen eigenen „Amtlichen Anzeiger" für seine Bekanntmachungen herausgebracht, der sich aber nicht lange halten konnte, und nach einem Jahr sein Erscheinen einstellte. Das „Kreisblatt" wurde wieder offizielles Blatt der amtlichen Verkündigungen. „Radio-Spiegel" und „Filmrundschau" waren Neuerungen, die seit 1924 im Blatt aufgenommen wurden.
Die Eingemeindung von Höchst und der umliegenden Orte Griesheim, Nied, Schwanheim und Sossenheim am l. April 1928 nach Frankfurt (Sindlingen, Zeilsheim und Unterliederbach waren bereits ab dem l. Juli 1917 nach Höchst eingegliedert worden) tat der Zeitung und seiner Leserschaft keinen Abbruch, denn Höchst blieb Kreisstadt des neu geschaffenen Main-Taunus-Kreises. Der Verlag schaffte in diesem Jahr eine 16-Seiten-Rotationsmaschine an, der Druck ging von da an noch schneller und besser.
Das Dritte Reich 1933-1945
Die ersten Jahre des „Dritten Reiches" überstand die Zeitung noch recht gut. Veröffentlichungen der NSDAP hatte das Blatt bereits vor dem Januar 1933 abgedruckt, allerdings auch die anderer politischer Gruppierungen. Noch im Februar 1933 bezeichnete sich die Zeitung selbst als „leidenschaftslos sachlich, wirklichkeitsnah und parteipolitisch neutral". Ab der Ausgabe vom 4. März 1933 wurde der Kurswechsel des Kreisblattes offenbar. In der Berichterstattung für den erschossenen Höchster Nationalsozialisten Josef Bleser kam das deutlich zum Ausdruck. Das Kreisblatt übernahm den Jargon der Machthaber. Ab dem 4. Oktober 1933 wurde mit dem „Schriftleitergesetz" die absolute Bindung aller Journalisten an die von Staat und Partei verordnete Pressepolitik festgeschrieben. Das galt von da an auch für das „Höchster Kreisblatt".
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geriet auch das „Kreisblatt" erneut in die Mühlen der Kriegsberichterstattung, und der tägliche offizielle Wehrmachtsbericht stand auf der Titelseite. Fotos von Agenturen verbreiten den Sieg der Deutschen Wehrmacht. Via Drahtfunk erhält die Redaktion seit Dezember 1940 die aktuellen Meldungen. Der Lokalteil schrumpft auf die unbedingt notwendigen Berichte, oft nur Gratulationen zum runden Geburtstag und andere relativ unwichtige Meldungen, dafür aber Todesanzeigen von im Felde Gefallenen oder die Bekanntgabe von Verlobung oder Eheschließung mit Soldaten an der Front unter Angabe ihres Ranges.
Allerdings mußte das „Kreisblatt" dann 1941, im 93. Jahr seines Bestehens, im Zuge von Pressekonzentration und Papierknappheit infolge des Krieges, sein Erscheinen einstellen. Die letzte Ausgabe erschien am 31. Mai 1941. Mit „kriegswirtschaftlich bedingten Maßnahmen" wird dem Leser das Ende der Zeitung erklärt - und „Der Endsieg wird unser sein! Tragen wir also die Opfer würdig, die dieses Ringen dem Einzelnen auferlegt", so heißt es in der letzen Ausgabe.
Das „Frankfurter Volksblatt" übernahm die Rechte des Verlages, das Archiv wurde eingezogen und wurde ein Opfer des Bombenkrieges in Frankfurt. Josef Wagner, Herausgeber und Verleger des Kreisblattes in der dritten Generation, mußte bis zum Jahre 1949 warten, bis er wieder mit einem „Höchster Kreisblatt" erscheinen konnte. Auf den Tag genau 100 Jahre nach der Erstausgabe, am 17. September 1949, konnten seine Leser wieder das erste Exemplar ihrer Zeitung, eine Probenummer, in Händen halten. Das „Höchster Kreisblatt" war wieder erstanden. Ab dem l. Oktober 1949 erfolgte die regelmäßige, tägliche Belieferung, zunächst als Kopfblatt des „Wiesbadener Kurier", dann von der „Frankfurter Neuen Presse". Der redaktionelle Teil für Höchst und die Kommunen des Main-Taunus-Kreises wurde immer von einer eigenständigen Redaktion in Höchst verantwortet.
Einige Beispiele aus dem redaktionellen Teil des frühen „Höchster Kreisblattes"
Bereits in den ersten Ausgaben der Zeitung im Jahre 1849 gab es zum Beispiel außer den offiziellen Bekanntmachungen amtlicher Stellen und Behörden private Anzeigen. So wird angezeigt, daß „von heute an dörre und gewässerte Stockfische, gesalzene Lapperdan, Häringe, Bückinge zu äußerst billigen Preisen zu haben sind bei Ph. A. Filzinger".
Oder Adolph Collin bietet seinem verehrten Publikum Tanzunterricht an, und bittet Lusttragende, sich im Gasthaus „Zum Bären" (in Höchst) zu melden oder auch bei Briefträger Hemmerle, der im Besitz der Subscriptionsliste ist. Außer den gewöhnlichen deutschen und französischen Tänzen können auch Nationaltänze gelernt werden.
Mitteilungen, wie diese, sollen die Aufmerksamkeit der Leser erwecken: „Der Küfer Justus Weidlinger aus Frankfurt hat sich mit Zurücklassung zweier Kinder von Hause entfernt und treibt sich wahrscheinlich in Gesellschaft einer lüderlichen Weibsperson herum. Derselbe ist im Betretungsfalle mit Zwangspaß in seine Heimat zu dirigieren".
1850 ist im Blatt zu lesen, daß „Bei einem in der Nacht vom 22 -23. Nov. d. J. zu Massenheim verübten Diebstahl ein Sack zurückgeblieben ist, welcher mit „P. Racke 1847" gezeichnet ist. Der etwaige Eigenthümer dieses Sackes wird aufgefordert, sich hierher zu melden, und anzugeben, in welcher Weise er aus dem Besitz gekommen". "Ein Blick in die Geschichte der Vorzeit" mit Auszügen aus der Frankfurter Chronik von Lersner ergänzt den redaktionellen Teil 1850.
Unter dem 21. Dezember 1853 veröffentlicht das Herzogl. Nassauische Kreisamt, „daß der David Gauf von Eschborn mit seiner Familie nach Amerika auswandern will". Es wird dies öffentlich bekannt gemacht, daß etwaige Forderungen an ihn vor seiner Auswanderung geltend gemacht werden können.
Oder 1854: „Im evangelischen Kirchenfonds in Unterliederbach liegen 1.200 Gulden zur Ausleihe bereit ."
Im März 1856 preist Wilhelm Mayer & Comp. in Breslau im Kreisblatt einen approbierten Brust-Syrup gegen jeden veralteten Husten, Brustschmerzen, langjährige Heiserkeit, Halsbeschwerden und Verschleimung der Lunge an. l Flasche kostet l Thaler.
Am 10. Februar 1864 wird eine umfangreiche Verordnung der Nassauischen Landesregierung über die „Einführung gleicher Gewindeverschraubungen an den Feuerspritzen im Herzogthum Nassau" veröffentlicht. Sie dient dem einheitlichen Zusammenwirken der Feuerwehren bei Bränden.
Die Mikroverfilmung des „Höchster Kreisblattes"
Nur in einer Bibliothek, in der Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden, gibt es eine nahezu vollständige Sammlung aller Ausgaben des „Höchster Kreisblattes" von Anbeginn 1849 bis zur Einstellung der Zeitung 1941. Sonst sind an anderen Orten nur einzelne Jahrgange oder die Ausgaben einzelner Tage überliefert.
Als die Deutsche Forschungsgemeinschaft 1990 in einem Projekt mit dem Titel „Verfilmung historisch wertvoller Zeitungen" anbot, auch das „Höchster Kreisblatt" darin aufzunehmen, fehlte dazu nur noch die notwendige Voraussetzung, nämlich das wissenschaftliche Gutachten, daß auch das Kreisblatt als eine „historisch wertvolle Zeitung" ist.
In einem Fachgutachten des Hessischen Hauptstaatsarchivs vom 17. August 1990 wurde dies bestätigt. Das Gutachten besagt unter anderem, „daß zu den historisch wertvollen regionalen Zeitungen im nassauischen Raum die „Kreisblätter" gehören. Im Gegensatz zu den älteren Zeitungen, wie dem „Nassauischen Intelligenzblatt", enthalten diese Zeitungen vor allem aus preußischer Zeit - also ab 1866 - historisch wertvolle Nachrichten zu lokalen und regionalen Ereignissen, wie etwa zu Vereinsgründungen und -Versammlungen, zur Wirtschaft, aber auch Äußerungen politischen Inhalts. Für die Landeskunde sind diese gedruckten Quellen unentbehrlich. Unter den genannten Umständen wäre es für die Forschung unbedingt wertvoll, wenn die einzige fast vollständige Serie des „Höchster Kreisblattes" der Zeit von 1886 bis 1950 verfilmt werden könnte. Damit wäre nicht nur die Zeitung in ihrem Bestand gesichert und dokumentiert, sondern auch die Benutzbarkeit wäre wesentlich erleichtert. Das Hessische Hauptstaatsarchiv befürwortet daher uneingeschränkt die Verfilmung des „Höchster Kreisblattes".
Der Erfolg dieses eindeutigen Gutachtens war, daß die Verfilmung in Auftrag gegeben werden konnte. Die Kosten dafür in Hohe von über 23.000 DM übernahm die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Antragsteller war, aus formalen Gründen, der Main-Taunus-Kreis, vertreten durch den damaligen Landrat Jochen Riebel. Für die Nebenkosten, wie zum Beispiel das neu Binden der teilweise sehr eng gebundenen Bände verschiedener älterer Jahrgänge, die erst aufgeschnitten werden mußten, sonst hätte man sie nicht richtig verfilmen können, kam der Historische Verein Rhein-Main-Taunus auf, immerhin auch über 7.000,- DM.
Auf diese Weise sind seit November 1994 rund 100.800 Zeitungsseiten der Jahrgange 1886 bis 1941 auf 50.400 Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf Rollfilm festgehalten. Kopien dieser Filme können über ein Lesegerät in der Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden, im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt und im Stadtarchiv Eschborn eingesehen werden und stehen jedem interessierten Forscher dort uneingeschränkt zur Verfügung.
Für vielfältige Unterstützung mochte ich mich bedanken bei Herrn Holger Vonhof, der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main sowie der Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden
MTK-Jahrbuch 2007 - mit freundlicher Erlaubnis der Herausgeber
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