Nazi-Schergen trennten Kinder von ihren Eltern
Monica Kingreen berichtet über die Verschleppung von Hofheimer Juden im Juni und August 1942
Von Andrea Rost

In zwei großen Massendeportationen hat die Gestapo im Juni und September 1942 aus den Dörfern und Städten des Regierungsbezirkes Wiesbaden die dort lebenden Juden verschleppt. Mehr als 400 kamen in Ghettos und Vernichtungslagern ums Leben, darunter auch 17 jüdische Bürger aus Hofheim und seinen Stadtteilen. Ehe die systematische Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus dem heutigen Main-Taunus- Kreis begann, hatte sich im sozialen Gefüge schon viel verändert. „Die Symbiose des Zusammenlebens von Christen und Juden war von den Nationalsozialisten aufgekündigt worden, viele Juden hatten ihre alte Heimat verlassen, waren nach Frankfurt gezogen oder ins Ausland geflüchtet", berichtete Monica Kingreen, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fritz-Bauer-Institutes jüdisches Landleben in der Region erforscht, bei einem Vortrag im Hofheimer Stadtmuseum.

Geblieben waren die Alten und Kranken und jene, die nicht genügend Geld hatten, um sich in Sicherheit zu bringen. Ihre Lebensbedingungen verschlechterten sich. Sie mußten Zwangsarbeit leisten und auf engstem Raum zusammenleben. Ein Ghettohaus sei das Haus in der Wiesbadener Straße 8 in Wallau gewesen.

Anfang 1942 kündigte die NS-Reichskammer in Berlin die erste Massendeportation für den Regierungsbezirk Wiesbaden an. „Judenfrei" sollte der Landstrich werden, auf den Transport in den Osten mußten sich auch 13 jüdische Bewohner aus Hofheim, Wallau und Diedenbergen vorbereiten.

Nur Rucksack und Koffer

„Den Tag der geplanten Abreise teilte man den Menschen nicht mit", sagte Kingreen, „sie bekamen jedoch genaue Anweisungen, wie sie sich darauf vorbereiten sollten." Vermögensverzeichnisse mußten erstellt, Luxusgegenstände im Landratsamt abgegeben werden. Als Gepäckstücke waren ein kleiner Rucksack und ein Handkoffer erlaubt. Außerdem sollten 50 Mark und das Fahrgeld nach Frankfurt bereitgehalten werden.

Am 10. Juni 1942 mußten die Juden ihre Wohnungen innerhalb von zwei Stunden verlassen. „Würdelos und bar jeder menschlichen Gefühle" beschreibt ein Zeitzeuge den Abtransport. „Dramatische Szenen spielten sich in Hofheim ab. Familien wurden auseinandergerissen. Kinder und Eltern mußten Abschied nehmen", weiß Kingreen. Keiner der 1000 Juden, die über das Sammellager in der Frankfurter Großmarkthalle nach Ispica und Sobibor transportiert wurden, habe überlebt.

Bei der zweiten Massendeportation aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden, die am 28. August startet, verschleppten die Nazis nochmals 17 Juden aus dem Main-Taunus- Kreis. Vier stammten aus Wallau und Hofheim. Auch der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Adolf Oppenheimer, und seine Ehefrau Hermine wurden deportiert. Sie starben kurze Zeit später im Ghetto von Theresienstadt.

STOLPERSTEINE

85 Messingplatten wird der Kölner Künstler Günther Demnig in Hofheim zur Erinnerung an ehemalige jüdische Einwohner verlegen. Die Aktion beginnt im April 2008.

95 Euro kostet die Patenschaft für einen Stolperstein. Wer spenden möchte, wendet sich an die Hofheimer Stadtarchivarin Roswitha Schlecker, Telefon 06192/96 65 50.

Frankfurter Rundschau - 20.6.07 - mit freundlicher Erlaubnis der FR

Jüdische Schicksale
Hofheim Monica Kingreen referiert im Museum

Fast auf den Tag genau vor 65 Jahren, am 10. Juni 1942, begann unter der NS- Diktatur die systematische Verschleppung jüdischer Bürger aus den Dörfern und Städten des Regierungsbezirkes Wiesbaden. Auch Juden aus Hofheim, Wallau, Diedenbergen und Langenhain waren unter den Deportierten.

Ihre Schicksale hat Monica Kingreen, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fritz-Bauer- Institutes, erforscht und berichtet darüber heute Abend im Stadtmuseum, Burgstraße 11.

Kingreen zeichnet den Weg der Frauen, Männer und Kinder nach, die von den Nazis gewaltsam aus ihren Wohnungen geholt und zunächst in ein Sammellager nach Frankfurt gebracht wurden, ehe sie den Transport in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten antreten mußten. Die meisten der verschleppten Juden kehrten nie in ihre Heimat zurück, sie wurden von den Nationalsozialisten ermordet. aro

Frankfurter Rundschau - 14.6.07 - mit freundlicher Erlaubnis der FR