Dokumente jüdischen Lebens
Bad Soden: Sonderausstellung im Museum erzählt von Menschen, die einst in der Kurstadt gelebt haben

Von Andrea Rost

Mit sorgenvoller Miene blickt Minna Grünbaum vom Plakat. Ihre Stirn ist gerunzelt, der schmale Mund zu einem zaghaften Lächeln gezwungen. Minna Grünbaum ist lange tot. Ehe sie am 11. November 1941 von den Nationalsozialisten ins Ghetto von Minsk deportiert wurde, arbeitete sie als Haushälterin des jüdischen Arztes Max Isserlin, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Kuranstalt für arme Israeliten in Bad Soden leitete. Am 10. November mußte Minna Grünbaum die Kurstadt verlassen, sie flüchtete nach Frankfurt. Nach der Reichspogromnacht ist sie nie mehr nach Soden zurückgekehrt.

Minna Grünbaums Schicksal ist nur eines von vielen, die die Ausstellung nachzeichnet, die morgen im Museum im Badehaus eröffnet wird. „...Und blieben dennoch immer Fremde? Vergangenes jüdisches Leben in Soden" ist der Titel, und das Fragezeichen mittendrin ist mit Bedacht gesetzt. „Wir wollten das Spannungsfeld deutlich machen, in dem sich jüdisches Leben in Soden abgespielt hat", sagt Benjamin Felmy, der die Ausstellung mitkonzipiert hat. Nicht nur um Holocaust und Vernichtung sollte es dabei gehen, sondern auch um die Darstellung der 200-jährigen Geschichte der Sodener jüdischen Gemeinde und um das Neben- und Miteinander von Juden und Christen in der Stadt. Nicht immer spannungsfrei sei das Verhältnis gewesen, weiß Felmy. „Insofern haben wir ein heißes Eisen angepackt."

Dokumente jüdischen Lebens in Bad Soden

Kurator Günther Troll baut die Ausstellung über Jüdisches Leben in Bad Soden auf.

Speziell in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts habe es jedoch einen kleinen jüdischen Mittelstand in Bad Soden gegeben, „der wohlhabend und gut integriert war". Dazu zählten die Ärzte Salomon Stiebel und David Rothschild, der Kommerzienrat Enoch Reiss und seine Familie und jener Max Isserlin, bei dem Minna Grünbaum angestellt war. Davor hatten bereits jüdische Kurgäste Soden zum bevorzugten Domizil erkoren und mit dazu beigetragen, daß 1846 eine Synagoge in der Enggasse gebaut wurde. Die allerersten Anfänge der jüdischen Gemeinde in Soden, das haben die Mitarbeiter des Stadtmuseums herausgefunden, gehen auf das Jahr 1657 zurück. Arme Landjuden ließen sich damals in dem kleinen Bauerndorf am Taunus nieder. Ihr erstes Gotteshaus stand in der heutigen Dachsbergstraße.

Zeugen der Vergangenheit

Vom einstigen jüdischen Leben in der Kurstadt ist heute nicht mehr viel übrig. Die Akten zur Vertreibung durch die Nazis sind weitestgehend vernichtet. Synagoge und israelitische Kuranstalt stehen nicht mehr. Als Zeugen der Vergangenheit geblieben sind das Haus Reiss und die Rothschild-Villa, die Villa Aspira und der jüdische Friedhof in der Niederhofheimer Straße, der von der Stadt gepflegt wird und nach Voranmeldung besichtigt werden kann.

Frankfurter Rundschau – 17.9.08 - mit freundlicher Erlaubnis der FR