„Ich sehe heute noch ihre Augen"
Hattersheim: Okrifteler Sinti starben in Auschwitz / Historikerin Anna Schmidt legt Buch vor

Von Barbara Helfrich

Im Konzentrationslager Auschwitz wurde Alwine Adam für immer von ihrer Familie getrennt. „Ich sehe heute noch ihre Augen, ich stehend auf dem Lastwagen und sie unten, wie sie mich anblickten", schilderte sie den Abschied mehr als 60 Jahre später in ihrem Lebensbericht. Alwine Adam war im April 1944 als arbeitsfähig eingestuft worden, kam nach Ravensbrück, wo sie die NS-Zeit überlebte. Ihr Vater und sieben Geschwister wurden in Auschwitz ermordet.

Die Okrifteler Sinti-Familie wurde von den Nationalsozialisten als „Zigeuner" verfolgt. Zuvor hatten sie ein integriertes, unauffälliges, unbehelligtes Leben geführt. Die bereits erwachsenen Kinder arbeiteten wie viele ihrer Nachbarn als Industriearbeiter. Doch im Februar 1942 wurden sie nach Auschwitz deportiert. Alwine Adams zweijährige Schwester und ihr einjähriger Neffe Ortwin überlebten das Lager nur wenige Monate. Über ihren Tod sei sie so verzweifelt gewesen, daß sie sich das Leben nehmen wollte, berichtete Alwine Adam später in ihrem Zeitzeugenbericht, den der Verband deutscher Sinti und Roma vor drei Jahren publiziert hat.

Bild der Verfolgung

Das Dokument zu lesen, sei „erschütternd" gewesen, berichtet die Historikerin Anna Schmidt. Im Auftrag der Kommune hat sie die NS-Zeit in Hattersheim, Eddersheim und Okriftel erforscht. Ihre Ergebnisse hat sie in einem Buch zusammen getragen, das sie gestern der Presse vorgestellt hat. Die Aussagen von Alwine Adam und die Akten hätten ein „vollständiges Bild" über die Verfolgung der Sinti ergeben, wie es sehr selten sei, so Schmidt, die auch über Hofheims NS-Geschichte geforscht hat.

„Ganz außergewöhnlich" sei auch die Geschichte des Okrifteler Bürgermeisters Peter Milch, der in der NS-Zeit Verfolgten geholfen habe. So stellte er der jüdischen Familie Hahn Pässe ohne das vorgeschriebenen eingestempelte „J" für „Jude" aus. Willi Hahn konnte deshalb Anfang 1940 mit seiner Frau Else und seinen Eltern Bernhard und Eugenie nach Venezuela flüchten. Eugenie Hahn starb dort jedoch bereits 1941 an den Spätfolgen einer Kopfverletzung, die sie beim Pogrom im November 1938 erlitten hatte.

In ihrem Buch beschreibt Anna Schmidt, wie jüdische Familien, die zum Teil seit 200 Jahren in den heutigen Hattersheimer Stadtteilen ansässig waren, ausgegrenzt, verfolgt und zerstört wurden. So mußten die Offenheimers und Blochs 1936 ihre Cellulosefabrik in Okriftel 1936 unter Wert an einen „arischen" Unternehmer verkaufen. Weitere Themen der Forschungsarbeit sind politischer Widerstand und Zwangsarbeit.
Anna Schmidt Okriftel

Die Historikerin Anna Schmidt hat die Hattersheimer NS-Geschichte greifbar gemacht.

Das Buch „Hattersheim, Eddersheim, Okriftel im Nationalsozialismus" von Anna Schmidt kostet 10 Euro und wird am Donnerstag, 30.10., um 18 Uhr im Alten Posthof vorgestellt.

Im Anschluß wird im Nassauer Hof eine Ausstellung zum Thema eröffnet. Sie ist bis zum l4.11.08 zu sehen. Unter dem Titel „Wissen und Verantwortung - Was tun mit den Erkenntnissen zur NS-Geschichte?" gibt es am Freitag, 14.11.08 ab 20 Uhr eine Podiumsdiskussion in der Stadthalle.

Frankfurter Rundschau - 28.10.08 - mit freundlicher Erlaubnis der FR