Der Taunus, die Dichter und Denker – und Dietrich Kleipa

Kelkheim. Blumige Wiesen und sprudelnde Bäche begleiten den Wanderer über sanfte Höhen und durch romantisches Tal, von Weitem klingen Kirchenglocken eines Dörflein, pittoreske Landschaft breitet sich aus, Pferde ziehen Schiffe den Fluß entlang, Wallfahrer kommen entgegen, in der Schänke wird vortrefflicher Wein ausgeschenkt,  und wenn die lustige Gesellschaft letztlich die Höhen erstiegen hat, erwartet sie die herrlichste Aussicht, die man sich vorstellen kann. In dieser Idylle ist von Orten die Rede wie Fischbach und Flörsheim, von Eppstein und Eschborn, von Hofheim und Hochheim, von Höchst und Hattersheim, von Soden und Ruppertshain. Sollte es tatsächlich um einen Reiseführer des Main-Taunus-Kreises gehen, dem kleinsten und am dichtest besiedelten Kreis in Deutschland? Was der Kelkheimer Stadtarchivar und frühere langjährige Kreisheimatpfleger Dietrich Kleipa dieser Tage vortrug, waren Reiseschilderungen des 19. Jahrhundert, aus einer Zeit, in dem sich die Landschaft zwischen Main und Taunus noch ganz anders darstellte als heute im 21. Jahrhundert.

Der Historische Verein Rhein-Main-Taunus und das städtische Kulturamt Kelkheim hatten zu der geschichtlich-literarischen Veranstaltung mit Kleipa eingeladen. Das Interesse war groß, der  Kulturbahnhof Münster war bis auf den letzten Platz belegt. Der Vortragende hatte 95 Büchern durchforstet und die ersten Beschreibungen von Orten im Kreis bereits im 14. Jahrhundert gefunden. Erasmus Alberus, Freund Luthers und Lehrer in Oberursel, hat um 1550 den Taunus mit Feldberg und Limes beschrieben und erstmals Hofheim, Ruppertshain und Ehlhalten. In einer Schrift von Erasmus 1552 wird Neuenhain erstmals erwähnt und sein Wein. 1605 hat Wilhelm Dennig 123 Städtebilder in Kupferstichen veröffentlicht, Höchst und Hofheim darunter und Eppstein mit Langenhain und Diedenbergen. Große Namen wie der  junge Goethe und  der Journalisten Ludwig Börne erwähnen Ende 17., Anfang 18. Jahrhundert die  Marktschiffe zwischen Frankfurt und Mainz (mit Station in Höchst) und die Landschaft, an der sie vorübergleiten. Der Höchster Johann Caspar Riesbeck schrieb 1784 in seinen „Briefen eines reisenden Franzosen“ anlässlich der schon damals stark befahrenen Chaussee zwischen Frankfurt und Mainz teilweise mit richtigen Alleebäumen über die Orte Hattersheim, Weilbach, Wicker und Hochheim von der „reichsten Gegend Deutschlands, die ich sah“ und von den „vortrefflichen Weinen“ in Hochheim.

Mit Beginn des 18.Jahrhundert wurde es Mode, auf die Taunusberge zu klettern, Feldberg, Altkönig, Staufen und Rossert, möglichst um von dort den Sonnenaufgang zu genießen. 1803 veröffentlichte der Frankfurter Maler Johann Friedrich Morgenstern seine „malerische Wanderung auf den Altkönig und einen Theil der umgehenden Umgebung im Sommer 1802“ (der älteste Taunusführer), in Kupferstichen und kurze Beschreibung dazu, in der Eschborn erstmals erwähnt wurde. Von Bockenheim und Hausen kommend schreibt er: „Nachdem man Wiesen und Kornfelder durchwandert hat, wobey man rings umher eine angenehme Ansicht des ganzen blauen Gebürges genießt, steigt der Thurm von Eschborn immer höher  hinter Obstbäumen herauf“. Erstmals wird bei Morgenstern auch das romantische Fischbachtal nach Eppstein erwähnt. 1804 schildert eine anonyme Schrift eine Reise von Wiesbaden über Eppstein auf den Rossert, wo die Reisenden über die Aurora und dann über die Sonne wie Feuer hervorkommend staunen.

Beim Frankfurter Dichter und Journalisten Friedrich Stoltze wurde Kleipa besonders fündig  Stoltze reimte (übrigens meistens in Hochdeutsch) über eine „Flörsheimer wilde verwegene Jagd“ des Flörsheimer Schiffreeders Nauheimer, über einen Blick von dem Rossert in die Ebene hinab, über den Schiffbruch des Frankfurter Raddampfers auf Rädern auf der Rückkehr von einem Umzug von Königstein auf der Chaussee in Neuenhain und über den Ortspolizisten von Soden. Anonym erschien eine Frankfurter Lustpartie in den Taunus auf den Staufen und zurück durchs Lorsbacher Tal („fruchtbare Gegend“ und „luftige Höhen“ hieß es da). Ludwig Börne schrieb  einen Brief „an die Freude meiner Seele“, sein Schätzchen,  über seine Wanderung von Höchst nach Hofheim in die Schänke und von dort nach Wiesbaden. Hans Christoph Freiherr von Gagern, der in Hornau das Familiengut gekauft hatte, schrieb in seinen Lebenserinnerungen über Wanderungen von dort auf Rossert und Staufen, sein Sohn Heinrich, der Präsident des Nationalparlaments in der Paulskirche, erinnert sich  an die Apfelblüten in üppiger Fülle am südlichen Abhang des Taunus.

Dietrich Kleipa ergänzte mit eigenen Gedanken und feiner Ironie  manche der 35 Zitate, vieles musste er übergehen, weil die eineinhalb Stunden im Fluge  vorübergingen. Er konnte nicht mehr Alexander Dumas in Eppstein und Victor Hugo in der Taunuseisenbahn zitieren, auch nicht die russischen Schriftsteller, die im 19. Jahrhundert in Soden kurten und ihren Aufenthalt dort literarisch festhielten wie Turgenjew („Frühlingsfluten“), Tolstoi (in Bad Soden gibt es noch heute die Villa Tolstoi) und Dostojewski („Der Spieler“). Es gab auch keine zeit mehr für Berthold Auerbach (Kleipa: “Damals so etwas wie ein Konsalik“), der in Bad Weilbach weilte und seine Geschichten und Sagen niederschrieb. In einer nächsten Ausgabe der Schrift „Rad und Sparren“ des Historischen Vereins Rhein-Main-Taunus will Dietrich Kleipa eine Zusammenfassung seiner literarischen Zitatenspuren über den Main-Taunus-Kreis und seine Orte veröffentlichen.   (kic)

Der Beitrag erschien in komprimierter Fassung im Höchster Kreisblatt - bei uns in voller Länge.