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Eschborn: Zwischen gestern und übermorgen Eschborn / Niederhöchstadt. Es ist, als ginge man durch die Zeiten. Von ihrem Anfang in Eschborn bis zum Ende in Niederhöchstadt wechselt die Hauptstraße ihr Gesicht so häufig und so drastisch, daß ein Spaziergang auf der fast drei Kilometer langen Strecke zur kleinen Zeitreise wird, vorbei an winzigen Fachwerkhäusern alteingesessener Bürger ebenso wie an futuristisch anmutenden Hochglanzfassaden international operierender Unternehmen. Die Hauptstraße ist eine der ganz alten Straßen im mindestens 1239 Jahre alten Eschborn, weiß Stadtarchivar Gerhard Raiss. Den Namen Hauptstraße trug ursprünglich nur das Stück zwischen Sossenheimer und Rödelheimer Straße. Mit der Gebietsreform wurden die Niederhöchstädter Straße in Eschborn und die Eschborner Straße in Niederhöchstadt ebenfalls zur Hauptstraße. Die Ur-Hauptstraße ist dort entstanden, wo sich Wasser und Abwässer ihren Weg bahnten, nach und nach eine Vertiefung in die Erde wuschen und einen Hohlweg schufen. Das erkläre, warum die Straße im Eschborner Abschnitt deutlich tiefer liege als die benachbarten Grundstücke, sagt Raiss. An dieser Straße siedelte sich neben vielen Menschen an, was diese Menschen zum Leben brauchten. Immerhin eine gute Adresse, mit gutem Namen und beachtlichem Verkehr. Früher wie heute hielten die Reisenden Ausschau nach Raststätten und Übernachtungsplätzen. Elf Gasthäuser buhlen heute um die Gunst der Hungrigen und Durstigen. Das Gasthaus «Goldener Hirsch» mit Apfelweinkeller aus dem 18. Jahrhundert und das Wirtshaus in der Hauptstraße 19 zählen zu den historischen Adressen. Historisch geht es weiter: Auf dem Gelände des ehemaligen Eschborner Gemeindefriedhofs entstand 1846 mit der Hausnummer 14 ein Schulgebäude. Dort, wo heute in der Berlitz-School Sprachen unterrichtet werden (Hauptstraße 81-85) wurde einst die Firma Schiele & Co. verwaltet. Sie verlegte 1908 ihren Firmensitz aus Frankfurt nach Eschborn und baute Riesenventilatoren. In der gegenüber liegenden Ville Luce (Hausnummer 114) residierte der Firmenchef. Heute ist sie unter der Leitung der Lebenshilfe das Zuhause für behinderte Menschen. Auch an der Stelle der ehemaligen Fettscheune (Nummer 24), in der Schlachtabfälle zu Seife verarbeitet wurden, ist Wohnraum entstanden. Betreutes Wohnen für 19 Senioren im Dekan-Mencke-Haus organisiert der Evangelische Verein für Innere Mission. Rund um die Hauptstraße finden sich Orte der Lebendigkeit: das Haus der Generationen, das alte Pfarrhaus, die Turnhalle, der ehemalige Adelshof, die Kirchen, das Vereinshaus, das Schützenheim, das Wiesenbad mit bis zu 30 000 Besuchern in warmen Monaten und viele, kleine Geschäfte, ein bißchen Grün und die Sozialstation. Die Straße ist viel zu lang, als daß man alles aufzählen könnte. Bevor man auf seinem Weg von Eschborn nach Niederhöchstadt in die Fachwerkidylle eintaucht, trifft das Auge auf moderne Architektur. Der silbern glänzende Bau der Techem könnte auch ein ausladendes Raumschiff sein, das in diesem Teil des Gewerbegebietes West gelandet ist. Weiter geht es durch typische kleinstädtische Strukturen, vorbei an der Polizeistation und der Musikschule hinein in eine andere Welt. In Niederhöchstadt wird die Hauptstraße eng. Dicke Autos tun sich bei der Begegnung schwer, aneinander vorbeizukommen. Der Bürgersteig, auf dem ein Mann seinen Hund Gassi führt, ist schmal. Kein Wunder, freier Platz in Niederhöchstadt befindet sich hinter den Häusern. Viele der typischen bäuerlichen Gutsanlagen haben riesige Gärten im Rücken, in denen Obstbäume wachsen und Hühner scharren. Diese Gärten kann man sehen, wenn man zwischen Tierheim und Verwaltungsstelle den schmalen Fußweg sucht und geht. Dort steht auch ein großes Schwalbenhaus. Der BUND kümmert sich um die Vögel. Im Schatten kann man Schach spielen. Nebendran haben in einem kleinen Tümpel Amphibien ein Plätzchen. Es ist überhaupt die Ecke der Tiere. Beim Tierschutzverein wohnen neben vielen herrenlosen Katzen mit Meerschweinchen, Stallhasen, Enten, Tauben und einem Dackel die Lieblinge der Gerda Meyer, die das Tierheim leitet. In Niederhöchstadt kann man an vielen Türen Äpfel und Kartoffeln kaufen und einer Töpferin bei der Arbeit zusehen. Während man in den Firmengebäuden Videokonferenzen mit Büros in aller Welt führt, wird hinter den Toren in Niederhöchstadt Holz gehackt. So facettenreich die Hauptstraße ist, so groß ist auch ihre Unabhängigkeit. In der Hauptstraße gibt es nahezu alles: Wurst, Käse, Brot, Schreibwaren, Altenpflege, Arbeitsplätze, Bademöglichkeiten, Natur, Tankstelle und Bekleidungsgeschäfte, Stadtteilbücherei, Sonnenstudio und Ärzte – theoretisch könnte man dort also leben und überleben, ohne die Hauptstraße jemals zu verlassen. |