Altbürgermeister Wehrheim:
Alles tun, um den Status quo zu wahren

Eschborn. Wie wurde Eschborn vom Dorf zur Stadt? Wie kam es zu der Entwicklung dieser geballten Wirtschaftskraft vor den Toren Frankfurts, die Neid aufkommen läßt im Umland und Begierde in der Metropole? Die SPD-Arbeitsgemeinschaft „Offensiv“ wollte es wissen und lud zwei ehemalige Kommunalpolitiker zum Erzählcafé ein: Hans- Georg Wehrheim, der 18 Jahre lang Bürgermeister in Eschborn war (1962 bis 1977), und Erich Holste, SPD-Vorsitzender im zu seiner aktiven Zeit noch selbstständigen Niederhöchstadt, das am 1. Januar 1972 mit Eschborn verschmolz.

Beide Gäste berichteten, wie wichtig es schon damals war, sich zu einer größeren Kommune zusammenzuschließen. Es galt, leistungsfähige Gemeinden zu schaffen, die alleine nicht mehr lebensfähig waren, so Wehrheim. Sein Interesse sei es zudem gewesen, Eschborn zu vergrößern, damit es nicht so einfach von Frankfurt geschluckt werde.

Holste hatte seinerzeit eine kommunale Hochzeit von Nieder- und Oberhöchstadt ins Auge gefaßt, die Oberhöchstädter entschieden sich dann aber für Kronberg. Wehrheim hätte gerne Schwalbach ins Boot geholt, das aber dann doch alleine blieb. Karl-Heinz Koch, damals Fraktionsvorsitzender der CDU in Eschborn und späterer hessischer Justizminister, wurde für einen Zusammenschluß am Westerbach eingeschaltet (hatte doch Niederhöchstadt eine CDU-Mehrheit). „Mit ihm hatten wir einen seriösen Verhandlungspartner“, sagte Holste. Er erzählte noch weiter zurückblickend viel über die Schwierigkeiten, die um 1900 zugewanderte evangelische Arbeiter aus dem Lippischen mit der mehrheitlich katholischen Bevölkerung von Niederhöchstadt hatten – wie beispielsweise die beiden Großväter Holste und Depping, die in den vielen Ziegeleien damals arbeiten wollten, aber keine Wohnung von den örtlichen Bauern bekamen. Vater Holste gründete deshalb eine Wohnungsgenossenschaft am Ort.

Wehrheim sprach vom ersten Nachkriegsbürgermeister in Eschborn, Heinrich Graf, der vor allem erst einmal die Wohnungsnot lindern mußte und Wohnraum für Flüchtlinge und ausgebombte Frankfurter zu schaffen hatte. Vor etwa 30 Zuhörern bei „Apfelwein Müller“ kam er sichtlich begeistert auf die Stadtentwicklung in Eschborn zu sprechen: Da war vor allem die Ausweisung der großen Gewerbegebiete, die den Grundstein legten für hohe Gewerbesteuer-Einnahmen. Es gab aber auch Brückenschläge in die Gegenwart. Willi Vöbel, einst Stadtverordnetenvorsteher im Parlament, mahnte an, die Regionaltangente-West zu bauen, die längst baureif sei. „Der Benzinpreis zwingt uns von der Autobahn zur Schiene“, meinte er. Wehrheim glaubt, daß die Stadt Frankfurt immer noch mit seinem Freien Reichsstadt-Denken gegen Querverbindungen sei.

Einig waren sich Wehrheim und Vöbel, daß die Süd-Ost-Verbindung gebaut werden müsse. „Die Verkehrssituation ist in Eschborn seit 30 Jahren strafwürdig vernachlässigt worden“, sagte der Alt-Bürgermeister und Ehrenbürger der Stadt. Die Stadt müßte jetzt mit aller Kraft und mit Millionenaufwand dafür sorgen, den wirtschaftlichen Standort Eschborn zu erhalten. Es sei nicht allein der Gewerbesteuer-Hebesatz gewesen, der die Deutsche Börse zum Umzug nach Eschborn bewegt hätte. Entscheidend sei ein attraktiver Standort mit seiner Infrastruktur, „sonst könnte Eschborn als Geisterstadt stehen“, so Wehrheim. Schon jetzt würden Tausende Quadratmeter in Eschborn-Süd leer stehen.

Der ehemalige Erste Stadtrat Helmut Gärtner (SPD) pflichtete Wehrheim bei. Unternehmen würden nicht etwa wegen eines günstigeren Grundstücks nach Eschborn kommen, sondern wegen des Verkehrsstandorts am Rande Frankfurts mit allen seinen Vorteilen. (kic)

Höchster Kreisblatt - 8.5.08 - mit freundlicher Erlaubnis des HK