Eschborn V - Wirtschaftlicher Alltag im DorfEschborn V - Wurche80004

Eschborn - Wirtschaftlicher Alltag des Westerbachdorfes in Bildern von Gestern: Hansjörg Ziegler

Eine Einführung von Siegfried Wurche

Der vorliegende Teil V der Bildbandreihe „Aus Eschborns Vergangenheit" zeigt Fotos aus dem wirtschaftlichen Leben des Dorfes am Westerbach. Obwohl die Bilder für sich sprechen, soll skizzenhaft - sozusagen im Zeitraffer-Tempo - die geschichtliche Entwicklung von Handel und Wandel des Dorfes Eschborn, bis zur heutigen Bedeutung als Büro- und Handelszentrum im Vordertaunus, dargestellt werden. Eschborn, im Gebiet Rhein-Main-Taunus, war mindestens bis zum Jahre 1802, als es zum Fürstentum Nassau kam, eine relativ unscheinbare Gemeinde. Wenn auch die Wiege der Ritter von Kronberg in dem Dörfchen Eschborn (1150) stand, so gehörte es doch als Untertanenort dem „Reichslehen Kronberg-Eschborn" an. Das Amt Kronberg übte die „Grundherrschaft" über die Landwirte, Handwerker und Bewohner von Eschborn aus, d. h. dieses eigenständige Herrschaftsrecht bestimmte alle Wirtschafts- und Rechtsfragen ihrer Untertanen. Die Steuern und Abgaben wurden von den Grundherren über ihre Hofämter „geschätzt" (festgelegt) und durch ihre Amtskeller und Keller eingetrieben, dies galt sowohl für die Natural-, als auch für die Geldleistungen. Verantwortlich für die Durchführung waren die Schultheißen, die meistens einen „Büttel" zur Seite hatten.

Die Ausgangsbasis für alles Wirtschaftsleben war die Landwirtschaft. Hier wurde der nötige Anbau der Feldfrüchte betrieben, für Brot und Kartoffeln, für die menschliche Ernährung und als Futter für das Vieh. Obstanbau in Eschborn wird schon im Jahr 804 in einer Urkunde des Klosters Lorsch erwähnt.

Von dem Reichtum der Landschaft zeugen in Eschborn die großen vier Kronberger Höfe, das Pastoreigut und vor allem der große Stephanshof, der bis zur Jahrtausendwende ein Königshof war und im Jahre 1008 im Tausch an das Mainzer St. Stephansstift gegeben wurde. Diese Höfe wurden von Hofmännern verwaltet und von Unfreien bearbeitet. Daneben gab es viele „Nachbarn", das sind Bürger der Gemeinde, die ein gewisses „landherrliches" Recht hatten, dazu die Gesellen, Knechte, Mägde und die Armenhäusler.

Im 18. Jahrhundert standen den Eschbornern zur Bebauung 1283 Morgen Ackerland, einschließlich Brachland, und 92 Morgen Wiese zur Verfügung. Der Anteil der brachliegenden Äcker betrug 34%. Angebaut wurden Korn, Gerste, Hafer und Weizen.

Die Zahl der Haushalte stieg von 35 im Jahre 1688 auf 84 im Jahre 1771, das sind 140% Zuwachs in weniger als 100 Jahren. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Rinder und Kühe von 108 auf 148, also um 27%, die Zahl der Ochsen verminderte sich von 72 auf 47, eine Abnahme um 35%. Hier hält anscheinend die Zunahme der Viehwirtschaft im Verhältnis zur Bevölkerung nicht Schritt, so daß sich viele Menschen durch andere Arbeiten ernähren mußten. Wobei 7 Prozent der Eschborner Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt keinen Landbesitz als Eigentum vorweisen konnten.

Bleiben wir noch bei der Landwirtschaft, da sie die Grundlage und Ausgangsbasis wirtschaftlichen Lebens, auch die unseres Dorfes, ist. Die Nähe der Großstadt Frankfurt gab den Landwirten eine gute Sicherheit zum Absatz ihrer Produkte. So fuhren noch bis zum Zweiten Weltkrieg die Eschborner Milchhändler jeden Tag nach Frankfurt, nach Höchst und nach Kronberg. In der Weimarer Zeit gab es etwa 30 Milchhändler in Eschborn, die täglich bis zu 4000 Liter Milch verkauften. Im Jahre 1925 gründeten die Bauern den „Eschborner Milch-Genossenschaftsverband", über den später die Milch in die „Milchküche" geliefert werden mußte. Diese war mit einem 2000-Liter-Tank ausgestattet, dessen Inhalt täglich von einem Molkerei-Tankwagen abgeholt wurde. Die Zeit der Milchfahrer ist vorbei. Auch die Romantik der Mädchen, als sie sich als „Milchverkäuferinnen" Geld verdienten. Von dem ersparten Geld kauften sie sich ihre Aussteuer oder z. B. eine Nähmaschine, die für einen späteren Erwerb verwendet wurde. Ein „Landwirtschaftlicher Lokalverein" gegründet 1875, sorgte für den Einkauf von Futtermitteln, Kohlen, Saatgut etc. Ebenso wurden in diesem auch die Milchpreise (1904 bekam der Landwirt 14 Pfennig für einen Liter Milch) festgesetzt, über die Höhe der Ackerpacht wurde hier ebenfalls diskutiert, diese betrug im Jahre 1903 für einen Morgen 52 Mark. Solche Vereine hatten großen Einfluß auf die Fortschritte in der Landwirtschaft. Wenn man die kurze Zeitspanne der Entwicklung vom Ochsengespann über die Pferde zum Traktor betrachtet, ging die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg im Sauseschritt. In Eschborn gab es 1897 116 Pferde, 1906 waren es 162, während es 1967 nur noch 5 Pferde für die Landwirtschaft gab. Während des Krieges wurden die Pferde zum Kriegsdienst eingezogen.

Für die Ernte benötigte man in den früheren Jahren viele Hände, die immer entbehrlicher wurden, je mehr Maschinen für den landwirtschaftlichen Einsatz zur Verfügung standen. Wurde früher mit der Sense gemäht - zur Ernte kamen die Leute aus der Fulda-Gegend, um sich in der Saison Geld zu verdienen -, machte diese Arbeit später die Maschine. Ihr folgte der Mähbinder, der heute wiederum durch den Mähdrescher abgelöst ist.

So wandelte sich das landwirtschaftliche Bild auch bei der Kartoffel- und bei der Rübenernte - nur Obst und die Erdbeeren müssen noch mit der Hand gepflückt werden. Der Obstanbau hat seit seiner ersten Erwähnung im Jahre 804 für Eschborn eine Rolle gespielt, auch im Mittelalter, bis in die Zeit nach 1945, wie einige Zahlen belegen. So wurden 1878 rund 10.000 Obstbäume in der Eschborner Gemarkung gezählt. 1951 waren es 25.000 Bäume, von denen wurden noch 1956 mehr als 2.616 Zentner Obst in der Genossenschaft abgeliefert. Heute ist er bedeutungslos: das Pflücken des Obstes ist teurer, als der Obstpreis rechtfertigen kann. Ob aber die Entscheidung, Obst aus dem Ausland zu beziehen, die richtige Alternative war?

Früher wurden hier Erdbeeren angebaut - auf diesen Grundstücken „wuchsen" später Hochhäuser -, zum Teil auch in Gewächshäusern gezogen und mit dem Flugzeug als frische Frucht in das Ausland gebracht. Verschwunden sind ebenfalls die Zeiten, in denen in Eschborn noch Äpfel gekeltert wurden, um das typische hessische Getränk, den Apfelwein, herzustellen. Viele hatten eine private Kelter, die kleinen Leute kelterten bei einem Wirt, der ebenfalls - noch nach dem Zweiten Weltkrieg - seinen Apfelwein selbst herstellte.

Mit den Landwirten sind am Ort auch die entsprechenden Handwerker zu finden, so der Schmied und Hufschmied, der Wagner, der Schreiner, der Zimmermann, der Schneider, der Schuhmacher. Selbstverständlich auch der Bäcker und der Metzger. Alle gehören zum Bild des Dorfes. Da unsere Altvorderen nicht nur die Arbeit, sondern auch das Vergnügen kannten, gab es Bierbrauer und Branntwein-Brenner, ebenfalls Gastwirte. Die Leineweber und Strumpfweber sollen nicht vergessen sein. Diese Aufzählung hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Anzahl der Handwerker wurde im 17. Jahrhundert auch im Reichslehen Kronberg-Eschborn so groß, daß Graf Kraft Adolf eine eigene Zunftordnung erließ. Die Kronberger Zünfte, die es seit dem 11. Jahrhundert gab und denen auch die Eschborner Handwerker angehörten, mußten sich mit der Zunftordnung aus dem Jahre 1679 abfinden, die sie in vier Gruppen einteilte:

1. Die Bauhandwerker, vom Maurer bis zum Glaser;
2. das Nahrungs- und Genußmittelgewerbe, z.B.: Bäcker, Metzger, Brauer;
3. die Schuster, Schneider, Gerber und Sattler. Wobei als Sattler auch Taschen- und Gürtelmacher mit der Bekleidung zu tun hatten;
4. die sogenannten technische Berufe, wie Schlosser, Büchsen-, Uhr-, Winden- und Sporenmacher, Schreiner, Schmiede und Wagner, auch Kupferschmiede, Hafner, Schäfter und Drechsler, Weiß- und Schwarznagelschmied, Messerschmied und Zeugschmied. Für die Aufnahme in eine Zunft mußten 12 Gulden gezahlt werden, davon erhielt der Graf acht Gulden, die restlichen vier Gulden kamen in die Zunftlade. In der Zunftstube, die in einem Kronberger Lokal einzurichten war, kamen die Zünfte zusammen, mindestens zweimal im Jahr zu Vollversammlungen, an denen ebenfalls die Gesellen teilnahmen. Der Zunftbeitrag wurde von der Mehrheit festgesetzt. Die Zünfte hatten durch den ausgeübten Zunftzwang, durch Qualitäts- und Preiskontrolle eine Monopolstellung. Zwar konnte sich ein Lehrling seinen Meister aussuchen, doch wurde jeder Lehrvertrag zu individuellen Bedingungen geschlossen. Schon damals gab es eine Probezeit, in der Regel 14 Tage, während die Lehrzeit drei Jahre dauerte - vielleicht auch bis zu sechs Jahren. Eine „Aufdingung" (Geldleistung) mußte in die Zunftlade gegeben werden.

Ein Geselle hatte mindestens drei Wanderjahre nachzuweisen, wenn er Meister werden wollte. Die Meisterprüfung kostete Geld, etwa 16 Gulden, deren eine Hälfte die städtischen Beamten, die andere Hälfte die Zunft kassierten. Meistersöhne zahlten nur die Hälfte des Meistergeldes, sie brauchten auch nur zwei Wanderjahre nachzuweisen und ein Jahr Tätigkeit in ihrem Amtsbezirk.

Die Eschborner Handwerker wollten gerne ihre eigenen Zünfte gründen und stellten daher Gesuche an das Kronberger Amt. Diese Gesuche wurden immer abgelehnt. Nach einem Gerichtsprotokoll von 1796 lehnten die Kronberger Zunftmeister erneut das Anliegen ab, denn „in der ganzen Gegend besteht das Herkommen, daß alle in das Amt gehörige Meister in einer Zunft beysammen sind, wo der Wohnsitz des Amtes ist". So gab es in Eschborn weder Zünfte noch Zunftmeister, sie waren weiterhin der Kontrolle Kronbergs unterworfen. In der demographischen Entwicklung des Dorfes, aufgezeichnet von Prof. Theodor Niederquell, für die Jahre 1700 bis 1775 ergeben sich interessante Zahlen. Im Jahre 1700 wohnten 283 Personen in Eschborn, darunter ein Müller, ein Hufschmied und ein Schmiedemeister, ein Wagnermeister, ein Bäckermeister, ein Bierbrauermeister, ein Gastwirt, zwei Leineweber und ein Leinewebermeister. Die Anzahl der Müller blieb immer gleich bis 1775, die der Schmiede erhöhte sich auf zwei, aber es gab schon fünf Wagnermeister. Neu hinzu kamen zwei Schreinermeister und vier Schuhmachermeister. Weiter gab es drei Bäckermeister und zwei Bäcker, vier Schneidermeister, einen Schneider und einen Schneidergesellen. Auch die Zahl der Leineweber, Bierbrauer und Gastwirte nahm zu. Schließlich gab es nur einen Metzger, obwohl wir in den Frankfurter Bürgerbüchern aus den Jahren 1311 -1400 zwei Metzger aus Eschborn finden: „Fricze von Escheborn" und „Clese, Hennen sohn von Escheborn".

Zum täglichen Leben waren zwei Berufe sehr wichtig: der Müller und der Bäcker. Brot kann man nur backen, wenn das Getreide gemahlen ist, so gab es auch in Eschborn eine Mühle. Das Mühlenrecht finden wir bereits 1405 in Eschborn, ein Zeichen der Fruchtbarkeit unserer Gemarkung. Die Eschborner Mühle war mit einem Bannrecht belegt, sie konnte nur von dem Müller betrieben werden, der vom Grundherrn dafür die Berechtigung bekam. Zum anderen waren die Landwirte im Ort verpflichtet, nur in dieser Mühle ihr Getreide mahlen zu lassen. Da spielte es keine Rolle, daß vielleicht die Mühle im Nachbarort besser, billiger und zuverlässiger arbeitete. Oft waren die Müller mit einem weiteren Erwerbszweig beschäftigt: mit dem Schnapsbrennen, so auch in der Eschborner Mühle.

Brot wurde in früheren Zeiten nicht nur vom Bäcker gebacken, sondern auch von den Landwirten oder Häuslern im eigenen Backofen oder im Dorfbackofen. Bisher ist nicht bekannt, ob es in Eschborn einen Gemeindebackofen gegeben hat. Oft wurde das Mehl vom Landwirt in die Bäckerei gegeben, die dann dafür das fertige Brot lieferte. Ein alter Bäckermeister erzählt noch heute davon, daß im Herbst die Jahresabrechnung „Mehl gegen Brot" erfolgte. Oftmals wurde bei diesem Brauch auch „vorgegessen", d.h. es wurde mehr Brot verbraucht, als angeliefertes Mehl vorhanden war. Beglichen wurde dieser Vorverbrauch nach der neuen Ernte.

Lange Zeit, vor allem in früherer Zeit, fuhren die Bäcker das Brot und die Brötchen mit dem Pferdewagen aus. Die Bäckerei Rapp wurde 1933 aber fortschrittlich und modern. Sie fuhr ihre Waren mit einem motorgetriebenen Dreirad-Lieferwagen „Goliath" zu den Kunden. Bäcker waren bereits um 1700 in Eschborn mit einem Bäckermeister vertreten. Im letzten Viertel dieses Jahrhunderts waren es drei Bäckermeister und zwei Bäcker. Gerade bei den Bäckern ist ein technischer Wandel eingetreten, ohne Benutzung von vielen Maschinen könnte die Nachfrage nach Brot und Feinbackwaren heute nicht ausreichend erfüllt werden.

Ein anderer Beruf war der der Schneider, zu denen auch die Näherinnen und Weißzeugnäherinnen zu rechnen sind. Zwei Schneidermeister hatten in Eschborn ihre Werkstatt in der Mitte des 18. Jahrhunderts, später waren es mehr. Nachweislich zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind es drei Schneider. In der Götzengasse, die erst vor 150 Jahren ihren Besiedlungsbeginn hatte, waren anscheinend mehrere Schneider angesiedelt, denn im Volksmund hieß sie die „Schneidergasse". Nach einem vorhandenen Katasterblatt aus dem Jahre 1895 wird diese Straße als Schneidergasse ausgewiesen, während sie im „Adreß-Buch des Kreises Höchst am Main für die Jahre 1896-97" bereits als Götzenstraße bezeichnet ist. Im alten Bürgerbuch der Reichsstadt Frankfurt ist ein „Schnider Henne von Escheborn" verzeichnet. Zwei in der Tradition stehende Berufe sollten hier erwähnt werden, es sind die Gastwirte mit ihren alten Gasthöfen und die alten Fuhrleute. Die Gasthöfe „Krone", „Zum weißen Roß" und „Zum weißen Schwanen" sind nicht mehr vorhanden. Die „Krone" wurde erst 1966 geschlossen, heute (1988) aber restauriert und beherbergt in Zukunft das Eschborner Stadtarchiv. Der Gasthof „Zum weißen Roß" lag in der Neugasse, auch der „Zum weißen Schwanen", dieser an der Ecke Oberortstraße. Ein Gastwirt ist bereits 1441 erwähnt, es ist Pederchen (Peter) Weber. In seinem Lokal, welches in der Nähe der Kirche gelegen haben muß, wurde am 13. Juni des genannten Jahres das Landkapitel, das in Eschborn tagte, also die Geistlichen des Dekanats Eschborn, das dem Probst des Archidiakonats von St. Peter in Mainz unterstand, verköstigt. Wenn alle Gemeinden des Dekanats vertreten waren, müssen mehr als 40 Personen hier gespeist haben.
Eschborn V - Lehrbrief

30 x 40 cm groß ist der schöne, in mehreren Farben gedruckte „Lehr-Brief, der Philipp Euler zum „Gesellen" erklärt.
Ausgestellt wurde er am Tage seiner „Freisprechung" von der Lehre, am 14. April 1929, durch die „Zwangsinnung der Spengler und Installateure zu Frankfurt a M."

Ein weiteres, heute ebenfalls nicht mehr als Gasthaus bestehendes Gebäude ist das „Gasthaus auf der Geisspitz" (später „Gehspitz" genannt). Dieses Gasthaus lag an der alten Handelsstraße - die Hohe Straße -, die von Frankfurt über Rödelheim und Eschborn nach Limburg und Köln führte. Hier rasteten die Fuhrleute mit ihren Pferden und Wagen, hier konnten Tier und Mensch und Wagen untergebracht werden. Dieser Gasthof besaß einen großen Saal, von dem wir wissen, daß in ihm im Juni 1816 zum Gedenken an die Schlacht bei Waterloo ein großes Fest gefeiert wurde (vielleicht letztmalig in diesem Gasthaus). Die Hohe Straße ist nach dem ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts nicht mehr benutzt worden, da man die Rödelheimer Straße neu geschaffen hatte. Die alte fränkische Hofreite wird seitdem als Bauernhof genutzt. Trotzdem gab es im alten Dorf noch genügend Gasthöfe. Der andere alte Beruf ist der der Fuhrleute. Die Fuhrleute waren wichtige Glieder in der damaligen wirtschaftlichen Landschaft. Obwohl bei uns Fuhrleute erst Ende des 18. Jahrhunderts namentlich bekannt wurden, dürften schon im frühen Mittelalter welche gefahren sein. Vermutlich sind sie durch die Frondienste im Mittelalter entstanden, als Spanndienste geleistet werden mußten (Angerfahrten, Fuhrdienste, Pferdedienste). Es entwickelte sich aus der Fuhre der Fuhrmann, der Fuhrunternehmer. Im alten Höchster Adreßbuch von 1900-1901 steht unter dem Namen Peter Schmarr, Hauptstraße 3, als Beruf Fuhrmann eingetragen; auch einen Fuhrknecht gab es noch. Bis nach 1920 wird dieser Beruf geführt, doch viele Firmen halten eigene Fuhrwerke und Fuhrleute und später dann das Auto.

Zum Bau eines Hauses sind seit altersher vielerlei Berufe erforderlich, so auch die Zimmerleute. Wir kennen sie schon seit 3500 vor unserer Zeitrechnung. Die Zimmerleute haben eine lange Tradition und sind mit Bräuchen vielfältiger Art versehen. Sie halten es heute noch mit der Wanderzeit als junge Gesellen. Wir wissen bisher nicht, seit wann in Eschborn diese Zunft angesiedelt ist. Urkundlich bekannt ist die Gründung einer eigenen Zahlstelle im „Zentralverband der Zimmerleute Deutschlands". Angemeldet wurde dieses Begehren am 23. Oktober 1899 durch den Zimmermann Ludwig Börner, was durch 14 Unterschriften bekräftigt wurde. Den Vorsitz führte damals der Zimmermann Peter Christ. Bürgermeister Kerber gab am 28. Oktober 1899 das Schriftstück befürwortend weiter „An Königliches Landrathsamt zu Höchst a/M". Statut, Geschäftsanweisung, Unterstützungsreglement bei Rechtsstreitigkeiten, Streikreglement, Reglement für reisende Mitglieder und Anhang sind noch vorhanden.

Die Veränderung der Landschaft, der Wirtschaft und der Gesellschaft begann mit der Veränderung des Herrschaftssystems. Nachdem die alten Grundherren z.T. ausstarben, sich die Eigentumsverhältnisse, beeinflußt durch die Französische Revolution und durch die Reformen des Freiherrn von Stein u.a., änderten, sah das Bild des Dorfes Eschborn anders aus.

Die Sorgen und die Nöte der Zünfte änderten sich nach 1869 mit der Einführung der Gewerbefreiheit, der Zunftzwang wurde beseitigt und eine liberale Wirtschaftslehre verbreitete sich. Eine Art Nachfolge der Zünfte sind die Innungen als Fachgremien, während örtliche Gewerbevereine den Zusammenschluß aller Gewerbetreibenden ermöglichen. In der Zwischenzeit sind wir aber mitten in der Industrialisierung. In das Dorf ziehen Post (1873) und Telefon (1898) ein, die Eisenbahn (1874) verändert die dörfliche Situation. Wenn im Jahre 1771 nur sieben Prozent der Dorfbewohner ohne Landbesitz sind, steigt diese Zahl in den nächsten Jahren bedeutend schneller. Innerhalb von 30 Jahren, von 1880 bis 1910, beträgt die Zuwachsrate 65,9 %, oder real 498 Einwohner, von 956 Einwohnern auf 1454. Die Gemeinde vergrößert und wandelt sich von einer reinen landwirtschaftlichen Gemeinde zu einer Wohnsitzgemeinde für Arbeiter und Handwerker, mit einigen Industriezweigen, so die Ziegeleien und der Maschinenbau für Pumpen und Ventilatoren, obwohl noch lange das landwirtschaftliche Element vorherrschend ist. Wenngleich viele in Eschborn wohnende Arbeiter schon früher nach Frankfurt oder Höchst oder in die Umgebung zu einer Arbeitsstätte fahren mußten - noch in diesem Jahrhundert gingen viele Menschen zu Fuß -, gab es doch auch einige Arbeitsplätze am Ort. Die Rübsamsche Backsteinfabrik nahm 1890 den ersten Ringofen in Betrieb. Früher stellte man die Backsteine im sogenannten Feldbrand her. Es war eine schwere und von der Witterung abhängige Arbeit, so daß dieser Zweig als Saisonarbeit verrichtet worden ist. Durch das Brennen der Backsteine am offenen Feuer entstand zwangsläufig sehr viel Ruß, deshalb haben diese Saisonarbeiter den Spitznamen „Russemächer" (was im Dialekt so ausgedeutet wird) bekommen. Dort wo der Ringofen in der sogenannten „Russekuhl" stand, der Bereich, in dem heute die Berliner Straße und die Südwestschule sich befinden, wurde früher Feldbrand durchgeführt. Ebenso im Bereich der Straße Hinter der Heck und zwischen Schwalbacher und heutiger Hauptstraße. Viele Häuser in den letztgenannten Straßen sind aus Steinen gebaut, die im Feldbrand dort hergestellt wurden. Eine weitere Ziegelei wurde 1896 als Feldbrand-Ziegelei von den Gebrüdern Helfmann erworben, die sie mit einem Ringofen ausstatteten und später so modern ausbauten, daß sie fast 5 Millionen Steine pro Jahr produzierte und in einer weiteren Modernisierungsphase die Produktion auf 12 Millionen Steine gesteigert wurde. Da nach dem Zweiten Weltkrieg andere Bauweisen zur Anwendung kamen, schloß 1973 die Firma Hochtief, so der Firmenname der Gebrüder Helfmann, diese Produktionsstätte für Backsteine. An dieser Stelle stehen heute ein Modemarkt und ein Hotel.

Eschborn V - Meisterbrief

Ein „Meister-Brief war früher eine große Sache. Besonders das Format. Er war etwas zum Vorzeigen und für die „gud Stubb". Nicht nur des erworbenen Titels wegen.
Die Abbildung oben ist solch ein, in mehreren Farben gedrucktes, 45x62 cm großes, Prachtexemplar. Auf ihm wird vom „königlichen Herrn Regierungspräsidenten in Wiesbaden" dem Bäcker Karl Rapp bestätigt, daß er am 23. Juni 1911 die Meisterprüfung mit „gut" bestanden hat.

Ende 1899 wurde eine weitere gewerbliche Anlage an den Kreis Höchst gemeldet: Feldziegelei der Firma Mathäus, mit sieben Arbeitern und mit Pferdebetrieb. Wir wissen bisher sehr wenig über diesen Betrieb. Aus einem Bericht von Bürgermeister Kerber an den Herrn Landrat in Höchst am Main, vom 27. September 1906, geht hervor, daß in Eschborn 3 Fabrikanlagen bestehen: 1. Ringofen-Ziegelei Rübsamen, mit einem Ziegelmeister und 40 Arbeitern; 2. Ringofen-Ziegelei Helfmann, mit einem Ziegeleiverwalter und 52 Arbeitern; 3. Fett- und Talgsiederei Gebrüder Rosswald, mit 2 Buchhaltern und 7 Arbeitern. Über die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung in dieser Zeit erfahren wir aus einer von der Firma Rübsamen, Soden (Taunus), am 25. August 1913 an die Ortspolizei in Eschborn geschickte Arbeitsordnung, „die den großjährigen Arbeiter(n) vorgelegen, und die an deren Inhalt nichts einzuwenden hatten".

Nach § 4 dieser Arbeitsordnung haben „die Arbeiter den Anordnungen und Weisungen des Verwalters bzw. Ziegelmeisters oder dessen Stellvertreters genaue Folge zu leisten und ihre Pflicht treu und gewissenhaft zu erfüllen. Etwaige Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen der Arbeitsordnung werden bestraft und zwar mit Beträgen bis zur Hälfte des durchschnittlichen Tagesverdienstes und in schweren Fällen mit Entlassung..."

Der § 6 regelt die Arbeitszeit wie folgt: „Die Schichten der Brenner dauern von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, bzw. von 6 Uhr abends bis 6 Uhr morgens..." Im § 9 ist die Arbeitszeit der Ziegeleiarbeiter festgelegt. Sie „beginnt in den Sommermonaten um 5 Uhr morgens und dauert bis 12 Uhr mittags. Nachmittags beginnt dieselbe um halb l Uhr und dauert bis 8 Uhr abends. Vormittags tritt von 7 Uhr und nachmittags von 4 Uhr je eine dreiviertelstündige Pause ein." Über die Lohnzahlung wird im § 10 berichtet: „Die Lohnzahlung findet für die Ziegelarbeiter samstags, oder wenn der Samstag auf einen Feiertag fällt, am Tage vor diesem statt und zwar abends um 5 Uhr, jedoch nur alle 14 Tage einmal. Bei den vier ersten Lohnzahlungen wird je ein Viertel des fälligen Lohnes, also insgesamt der Betrag eines durchschnittlichen Wochenlohnes zur Sicherung gegen Vertragsbruch einbehalten. Dieser Betrag gelangt bei ordnungsmäßigem Austritt des Arbeiters bzw. am Schluß der Kampagne zur Auszahlung." Gleichzeitig gibt es auch eine „Hausordnung", und zwar sind „die Arbeiter, welche das auf der Ziegelei befindliche Schlaf- und Speisehaus benützen wollen", Ordnungsbestimmungen unterworfen. Wie bereits berichtet, kamen die Beschäftigten in den Ziegeleien vorwiegend als Saisonarbeiter. Gegen April fanden die sich ein, aus Westpreußen, aus dem Bayrischen Wald und vorwiegend aus dem Lippischen. Gearbeitet wurde, je nach Witterungsbedingungen, bis in den Spätherbst. In den 20er Jahren lag der Stundenlohn bei etwa 57 Pfennig pro Stunde, während der Ziegelbrenner auf etwa 42 Mark pro Woche kam, bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 56 Stunden, also auf rund 75 Pfennig pro Stunde.

Im Jahre 1908 siedelte sich die Firma G. Schiele & Co. in Eschborn an, die noch bis ins Jahr 1925 hinein eine Zweigstelle in Frankfurt-Bockenheim unterhielt. Eine international renommierte Firma auf dem Gebiet der Pumpenherstellung und des Ventilatorenbaues mit etwa 200 Arbeitsplätzen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Werk durch Luftangriffe beschädigt und stand nach Kriegsende auf der Liste der Firmen, die für die Alliierten demontiert werden mußten. In sieben verschiedene Länder wurden Teile der Firma in 38 Eisenbahnwaggons transportiert. 1948 begann sie unter der Leitung von Walter Geisel im kleineren Rahmen mit der Produktion. In kurzer Zeit übertraf sie mit einer Belegschaftsstärke von 220 Mitarbeitern die Vorkriegskapazität. Die in diesem Band zusammengetragenen Bilder, die das frühere wirtschaftliche Leben des Dorfes festhalten, sind eine unwiederbringliche Dokumentation über die Erwerbsquellen der Bewohner, über technische Entwicklungen mancher Wirtschaftszweige, über Praktiken und Gewohnheiten aus dem Arbeitsleben der Menschen unseres Dorfes im Wandel eines kleinen Zeitraumes von etwa 60 Jahren. In der Zwischenzeit ist das Dorf zur Stadt erhoben (1970) und hat eine wichtige wirtschaftliche Bedeutung in dem Ballungsraum Rhein-Main-Taunus. Aus der kleinen landwirtschaftlichen Gemeinde, die im früheren Niddagau mit dem Sitz des Erzpriesters eine Mittelpunktfunktion der Kirche innehatte, ist heute eine der reichsten Gemeinden Hessens geworden, für den Main-Taunus-Kreis der größte Steuerzahler, d. h. die höchsten Einnahmen des Kreises kommen aus dieser Stadt. Durch einige Zahlen aus dem Jahre 1988 gewinnt man sicher den richtigen Vergleich der Entwicklung des Dorfes Eschborn zur heutigen Stadt. So stieg die heutige Einwohnerzahl um 520 % gegenüber dem Jahr 1939. Die Länge des Straßennetzes beträgt heute 70 Kilometer. Während es im Jahre 1953 „nur" 305 Arbeitsplätze gab, sind es heute rund 17.000, die sich auf 1500 Gewerbe- und Handelsbetriebe verteilen. Da der Reichtum einer Gemeinde schon im Mittelalter an dem Steueraufkommen gemessen wurde, soll dies der letzte Zahlenvergleich sein. In Eschborn betrug das Steueraufkommen im Jahre 1939 pro Kopf 50,- Reichsmark, im Jahre 1988 sind es 1906,- Deutsche Mark pro Einwohner. Die in diesem Band von Hansjörg Ziegler mit Akribie und Leidenschaft, oft mit mühevoller Plage zusammengetragenen Bilder von Berufen und Erwerbszweigen, die in dieser Mischung einmalig und daher um so wertvoller sind, können nur „eschbornerisch" sein. Es gibt sie sonst nicht: vom Äpfelweinkeltern über den Bauern und den Bäcker, den Bienenzüchter, Erdbeerpflücker, Fuhrmann, Gastwirt, Hufschmied und Metzger, zum Milchmädchen und zur Näherin, zum Polizeidiener und Postboten, bis zum Schäfer, zum Schneider, zum Zweiten Deutschen Fernsehen - kaum ein Gebiet ist ausgelassen. Bei Namen und Daten zu den Bildunterschriften war der Autor auf Angaben der Bildspender angewiesen. Wenn, trotz zusätzlicher Recherchen, die eine oder andere Angabe nicht stimmt, so bittet er um Nachsicht und Richtigstellung. Bei den Namen der Mädchen ist der spätere Familienname in Klammern angegeben. Nicht erkannte Personen sind mit N. N. bezeichnet. Die Reihenfolge beginnt im Bildvordergrund und die Nennung der Namen von links. Bildunterschriften, die aus Platzgründen nicht unter die betreffenden Bilder gestellt werden konnten und auf der vorhergehenden und nachfolgenden Seite stehen, sind mit einem Pfeil gekennzeichnet.

Eschborn V - Hillehof in der Oberortstraße

 

Die Anfang der 60er Jahre gemachte Aufnahme zeigt den „Hille-Hof in der Oberortstraße. Sie dokumentiert wie kaum eine andere, sowohl was den Raum als auch die Gebäude anbelangt, die Größe früherer Bauernhöfe. Wenn wir heute an dem Hof vorbeigehen und die weit geöffneten Torflügel den Blick auf das Anwesen freigeben, dann gehört nicht viel Phantasie dazu, sich das frühere emsige Treiben, das während der Erntezeit hier herrschte, vorzustellen. Daß in dieser Zeit der große Hof, angefüllt mit der Dreschmaschine, den ein- und ausfahrenden Wagen und den vielen Helfern, trotzdem zu klein war, weiß die auf dem Hof geborene und heutige Besitzerin, Ella Junghenn geb. Hill, anschaulich zu berichten. Die Gebäude stammen aus drei Jahrhunderten. Das älteste ist das Wohnhaus. Wann es erbaut wurde, ist nicht bekannt. Der erste Landwirt Hill, dem der Hof Heimstätte war, war der aus der reichen Bierbrauer- und Gaststättenbesitzer-Familie Hill stammende, 1734 geborene Johannes Hill. Wahrscheinlich ist, daß sein Vater, der Bierbrauermeister Philipp Heinrich Hill, das Haus erbaute. Wenn dies zutrifft, dann ist Ella die sechste Generation Hill auf dem Hof. Der Stall links im Vordergrund wurde 1805, die Maschinenhalle hinter dem Wohnhaus 1935 und die Scheune 1938 gebaut.

Dieses sehr informative Buch ist noch bei der Historischen Gesellschaft erhältlich.