Ein Mann, der Geschichte geschrieben hat - Hansjörg Ziegler
Hunderte, ja Tausende Stunden hat der Lokalhistoriker aufgewendet, um die Vergangenheit lebendig zu halten. 95 Schriften hat er veröffentlicht – und es wird noch eine 96. folgen.

Eschborn. Wohl einer Stadt, die einen in ihrer Mitte hat, der die Ortsgeschichte erforscht, aufschreibt und weitergibt – damit folgende Generationen erfahren, wo ihre Wurzeln sind. Einen solchen Mann haben die Eschborner mit Hansjörg Ziegler, der als rühriger Lokalhistoriker die Geschichte von Eschborn und Niederhöchstadt in Wort und Bild zu Papier brachte. In nahezu vier Jahrzehnten hat der Schriftsetzer, der am morgigen Freitag 90 Jahre alt wird, 95 Bücher, Schriften zur Eschborner Geschichte und Familienchroniken herausgegeben. Die Werke umfassen nahezu 20.000 Seiten und 5.000 Fotos.

Von der Gestapo verhört

Geboren wurde Ziegler als Volksdeutscher in Karawukowa, das heute zu Serbien gehört. Aufgewachsen ist er in einer Familie und Dorfgemeinschaft, deren Sprache Deutsch war. Er verlor seine Heimat und kam mit seiner Familie 1946 nach Eschborn. «Von einem Donauschwaben, der ein Eschborner wurde» heißt der erste Band seiner Familiengeschichte, der noch zwei weitere folgen sollen.

Der junge Fleischergeselle Ziegler entzog sich der jugoslawischen Armee, indem er nach Ungarn floh. Die deutsche Botschaft verhalf ihm zur Ausreise nach Wien. Obwohl er deutscher Soldat sein wollte, wurde er als Fachmann für Ernährungswirtschaft nach Küstrin abkommandiert, floh nach drei Tagen und wurde in Frankfurt/Oder ins Gefängnis gesteckt. Die deutsche Volksgruppe zu Hause hatte inzwischen seine Papiere nach Deutschland geschickt. Er kam frei und erhielt ein Stipendium für die Ausbildung als Lehrer, fiel bei der Deutschprüfung durch, bekam letztlich eine Lehrstelle als Schriftsetzer bei der «Frankfurter Zeitung» am Main und machte 1944 die Gehilfenprüfung. Die Gestapo verhörte ihn, weil er besser Serbokroatisch und Ungarisch sprach. Mit einwandfreiem Ahnenpaß konnte er aber seine Identität als Deutscher beweisen und wurde als Dolmetscher zur Wehrmacht eingezogen. Im Oktober 1943 heiratete er seine Frau aus dem Burgenland. Anfang 1945 wurde Ziegler verwundet und geriet in amerikanische Gefangenschaft. Vom Flugplatz Eschborn aus wurde er in ein französisches Lazarett in Versailles geflogen. Dies war seine erste Berührung mit dem Ort, der später seine zweite Heimat werden sollte. 1946 wurde Ziegler als Heimatvertriebener entlassen. Er ließ sich einbürgern und wurde mit seiner Familie in ein kleines Häuschen in der Unterortstraße eingewiesen (heute ein Blumenladen).

Schnell fand er Arbeit als Schriftsetzer bei der Frankfurter Societäts-Druckerei, bei der auch das Höchster Kreisblatt erscheint. Er wurde Meister und Leiter der Fotosatzabteilung mit 85 Mitarbeitern, bildete Lehrlinge aus und hatte bei der IHK und bei der IG Druck und Papier verschiedene Positionen inne.

Den Weg zur Eschborner Geschichte fand Ziegler durch Pfarrer Adolf Paul, der die erste Chronik von Eschborn schrieb. «Ich wollte vor allem etwas von der Eschborner Burg wissen, von der Paul immer sprach», erinnert sich Ziegler. Sein erstes veröffentlichtes Buch war denn auch der Reprint einer alten Chronik über die Kronberger Ritter, die von Eschborn stammen.

Als Ruheständler suchte er immer wieder Archive und Museen auf, um alte Urkunden und Fotos ausfindig zu machen und zu archivieren. Viele 1000 Kilometer legte er mit Bus und Bahn zurück.

Gegraben und gekramt

1979 wurde Ziegler Mitglied der kurz zuvor gegründeten Historischen Gesellschaft Eschborn. Fortan grub er nach den Fundamenten der alten Burg, nach den Resten der früheren Dorfkirche und nach verschwundenen Grenzsteinen. Der stets liebenswürdige, bescheidene und geschätzte Bürger kramte in Haushalten nach alten Fotografien in Alben und Schuhkartons. Für die Historische Gesellschaft holte er so 8.000 Repros zusammen.

Mitte der 80er Jahre erhielt er «Berufsverbot» von der Historischen Gesellschaft. Man hielt ihm unter anderem vor, er könne nicht richtig Deutsch schreiben, verkläre Volkstümelei in seinen Schriften und schreibe für Lieschen Müller. «Dabei will ich nicht Literatur machen», sagt Ziegler. Er gab weiterhin Schriften heraus, aber nur noch in kleinen Auflagen.

Besuch von den Urenkeln

«Ich bedauere, daß ich noch nicht alles fertig geschafft habe», sagt Ziegler dem HK. «Aber ich mache weiter, solange ich es kann.» Sein 96. Buch ist gerade fertig: «Die Familien des ehemaligen Straßendorfes Niederhöchstadt 1685-1971», 500 Seiten stark. Seine Frau hatte ihm stets geholfen, vor bald drei Jahren ist sie gestorben. Seither lebt er allein. Jetzt wird er von seinen drei Töchtern in Kelkheim, Bonn und Frankfurt/Oder unterstützt. Zuletzt war Enkelin Katrin aus Berlin, eine Staatsanwältin, mit zwei Urenkeln zu Besuch.

Höchster Kreisblatt - 7.1.10 - mit freundlicher Erlaubnis des HK

Wohl auch einem Verein, der viele dieser Leistungen selbstverständlich finanziert und damit möglich gemacht hat - Tausende von Rechnungen über viele Zehntausende DMark z.B. für die Bücher-Produktion, die Repros, für Recherchen, aber auch zahlreiche Buchanschaffungen  belegen die Unterstützung des Hansjörg Ziegler durch seine Historische Gesellschaft - über viele Jahre hin.
“Berufsverbot” durch die Historische, seit “Mitte der Achtziger”? Insider staunen - diese “Erinnerung” haben wohl nur wenige... Aber was ist schon konstruktive Zusammenarbeit?

Wie auch immer: Dank + Anerkennung für den Mann Hansjörg Ziegler, der wirkliche lokalhistorische Basisarbeit geleistet hat. Diese Arbeit wird Vieles überdauern. Sie bleibt.
Herbert Steffes, Webmaster