Saufgelage an der Alten Mühle
Von Manfred Becht

Eschborn. Wer im Sommer gelegentlich einen Blick in den Westerbach wirft, könnte sich die Frage stellen, wie ein solch dürres Rinnsal eine richtige Mühle antreiben kann. Und tatsächlich, schon in früheren Jahrhunderten reichte das Wasser nicht aus, auch nachdem man noch Wasser vom Pfingstbrunnen heranleitete, der sich am Ende der gleichnamigen Straße befand. Es war gar nicht so selten, daß die Mühle monatelang nicht arbeiten konnte, sehr zum Nachteil der Eschborner Bauern.

Stadtarchivar Gerhard Raiss hat in einem Beitrag für das aktuelle Jahrbuch des Main-Taunus-Kreises die Geschichte der Alten Mühle nachgezeichnet. Der Anlaß: In diesem Jahr soll die Entscheidung über die künftige Verwendung des Anwesens fallen. Dessen älteste Bauteile gehen auf das Jahr 1692 zurück.

Eine Mühle gab es freilich schon vorher. Raiss berichtet von der urkundlichen Erwähnung einer Mühle im Jahre 1405, wobei unklar ist, ob diese an der gleichen Stelle stand wie die Alte Mühle. Damals gehörte die Mühle einem Zisterzienserinnenkloster in Mainz, das sie der Kechterchin Schelnhorn aus Frankfurt zu Lehen gab. Es ist Zufall, daß sich ausgerechnet diese Urkunde erhalten hat – man kann davon ausgehen, daß die Eschborner Mühlengeschichte weiter zurück reicht.

Zurück zur Wasserknappheit an der Alten Mühle – das hatte nämlich Folgen. Mit diesem Mißstand ist es zu erklären, daß der Entenmüller in Stierstadt die Erlaubnis hatte, Getreide der Eschborner Bauern abzuholen und in seinem Betrieb zu malen. Dem Eschborner Müller dürfte dies nicht gefallen haben, aber irgendwie mußte die Mehl-Versorgung ja sichergestellt werden.

Zweitens hatte der Eschborner Müller, möglicherweise als Ausgleich, die Konzession, Korn zu brennen und Branntwein auszuschenken. Daß die Mühle etwas abseits vom Ort lag, nutzten die Eschborner Männer dazu aus, sich dort zu treffen und dem Alkohol zuzusprechen. Schließlich beschwerten sich die Frauen beim Ortspfarrer.

Im Kirchenprotokoll von 1782 heißt es daher, die Männer hätten die Gewohnheit, in der Mühle «zu Saufen, Schwärmen und zu Spielen an Sonn- und Feiertagen bis in den Morgen». Ein gewisser Balthasar Pfeifer habe sich so betrunken, daß er seine Frau mißhandelt, geschlagen und getreten habe. Die kurfürstliche Obrigkeit in Mainz versuchte, dem mit verschärften Kontrollen Einhalt zu gebieten – mit welchem Erfolg, ist nicht bekannt.

Wie lange die Alte Mühle als Mühle betrieben wurde, geht aus dem Aufsatz nicht hervor. Der Frankfurter Metzgermeister hatte wohl keine Ambitionen, Müller zu werden, als er das Anwesen 1910 erwarb. Ohnehin verkaufte er sie zwei Jahre später schon an den Frankfurter Fabrikanten Rudolf Michel, der einen groß angelegten Umbau plante. Glücklicherweise sind diese Pläne, warum auch immer, nicht zum Tragen gekommen, denn das alte Wohnhaus hatte abgebrochen werden sollen. Lediglich das beheizbare Gewächshaus des Orchideenliebhabers Michel wurde gebaut.

Gewohnt hat die Familie in dem Haus dann nicht, sondern in der 1912 gebauten «Villa Luce». So wie Raiss die früheren Besitzer der Mühle erwähnt, so zeichnet er auch nach, wie im Rahmen der Erbfolge Alfred Luce Eigentümer der Mühle wurde. Der räumte seiner Frau aus zweiter Ehe lebenslanges Nutzungsrecht ein, so daß sie dort bis zu ihrem Tode im Jahre 2003 wohnte. Die Erben, Luces Kinder aus erster Ehe, verkauften die Mühle schließlich an die Stadt.

Wer noch mehr über die Alte Mühle in Eschborn wissen möchte, besorgt sich am besten das Jahrbuch 2009 «Zwischen Main und Taunus» mit seinen 31 Beiträgen und 120 farbigen Abbildungen. Das Werk gibt es für sieben Euro im Kreishaus in Hofheim, in vielen Buchhandlungen und einigen Rathäusern. Außerdem kann man es telefonisch unter der Nummer (0 61 92) 16 38 und per E-Mail unter kultur@mtk.org bestellen.

Die Alte Mühle in Eschborn auf einem Gemälde von Anton Radl (1774 bis 1852). Das Werk stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Original befindet sich im Historischen Museum in Frankfurt.

Höchster Kreisblatt - 3.1.09 - mit freundlicher Erlaubnis des HK